Kultur : Krimskrams und Modderkrebse Zum 85. des Autors Benno Meyer-Wehlack

Hannes Schwenger
Benno Meyer-Wehlack.Foto: Renate v. Mangoldt
Benno Meyer-Wehlack.Foto: Renate v. Mangoldt

Nein, er wollte nie Lokomotivführer werden wie andere Jungs. Benno Meyer-Wehlack, der heute in Berlin 85 wird, wusste schon mit 15 Jahren, dass er Schriftsteller werden wollte. „Ich wollte Feuilletons schreiben“, erinnert er sich in einer Kurzgeschichte „Als ich noch sehr jung war“: „Was das Wort bedeutete, wusste ich nicht. Aber ich sah sie vor mir: kleine Dinge, in die Hand zu nehmen, zehn- zwanzig Zeilen lang, zwischen irgendwelchem Krimskrams stehend. Ich kannte herrliche, wir hatten ganze Jahrgänge der ,Frankfurter Zeitung’ auf dem Boden liegen. Solche wollte ich schreiben. Etwas anders, etwas besser vielleicht – das Etwas-Besser brannte mir auf den Nägeln –, aber darüber brauchte man keine Worte zu verlieren, das würden die Leute schon merken, sie würden mich schon holen, sie brauchten mich ja.“

Wie man sich das so vorstellt! Tatsächlich hat der junge Meyer-Wehlack mit Kurzgeschichten angefangen und früh Erfolg gehabt, bis das Genre aus den Feuilletons verschwand. Einer, der sie damals gelesen und nicht vergessen hat, war Erich Kuby, der sich – wie der Autor dieser Zeilen – viele Jahre vergeblich bemüht hat, eine Auswahl davon als Buch neu herauszugeben. Sein Nachwort war schon geschrieben und begleitet jetzt eine Auflage von 125 nummerierten und signierten Exemplaren, die Horst Hussel, der Großmeister der Buchillustration in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland, 2008 mit vier Originalradierungen geschmückt hat („Hinter dem Zaun wuchs Rhabarber“, Verlag Haucke & Schmechel, Berlin). Kuby versichert: „Wir haben Literatur vor uns im Rang des Werkes eines Robert Walser, und nicht von ungefähr fällt hier dieser Name. Da liegt Wahlverwandtschaft vor.“

Viel ähnliches Missgeschick mit Verlegern und Verlagen, bevor Suhrkamp Walsers postumen Nachruhm in Deutschland multiplizierte. Von Benno Meyer- Wehlack gibt es bisher nur ein knappes Dutzend schmaler, meist vergriffener Bücher, die Hälfte davon Hörspieltexte, denn die Öffentlichkeit kennt ihn seit seiner Auszeichnung mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 1957 vor allem als Hörspiel- und Drehbuchautor.

Hanser druckte nur das preisgekrönte Hörspiel „Die Versuchung“ vor Michael Krügers Eintritt in den Verlag. Mehr Glück hatte Meyer-Wehlack mit seinem Bühnen- und Medienverlag, als ihn Maria Sommer für ihren Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb unter Vertrag nahm. Auch Klaus Wagenbach druckte ihn mit einem Hörspiel in seinen Quartheften („Modderkrebse“, 1971).

Der Akademie der Künste gehört er seitdem in der Sektion Film- und Medienkunst – nicht der für Literatur – an. Doch in seinen Schubladen schlummern Schätze, ein Berliner Tagebuch seit 1954 (!) und ein großer Roman über seine Anfänge im Nachkriegsberlin als „Schlattenschammes“ an der Tribüne bei Victor de Kowa und Assistent im Verlag Neuer Geist von Ladislaus Somogy. Nur ein kleiner Wiener Roman („Ernestine geht“) hat bei Jung & Jung in Salzburg Unterschlupf gefunden. Vielleicht war es also eine self-fulfilling prophecy, als der 15-Jährige 1948 beteuerte, Romane hätten für ihn „ja noch ein Leben lang Zeit ... Als alter Mann würde ich mich dann auch gern einmal bereit erklären, mich grundsätzlich zu äußern, Lebenserfahrungen weiterzugeben und so weiter.“ Jetzt ist die Zeit dafür reif. Hannes Schwenger

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