Kultur : Krise der Kritiker

Die Berliner Brecht-Tage beleuchten ein Zeitschriftenprojekt von 1930/31

Steffen Richter

Es war ein intellektuelles Großprojekt, das Bertolt Brecht und Walter Benjamin in den Jahren 1930/31 planten. „Krise und Kritik“ sollte die Zeitschrift heißen, herausgegeben von Herbert Jhering im Rowohlt Verlag. Schriftsteller sollten mitarbeiten, Philosophen, Komponisten, Soziologen und Kunsttheoretiker – allesamt illustre Namen wie Döblin, Musil, Adorno, Eisler und Hindemith, Piscator, Kracauer, Bloch und Lukács. Hier wurde aufs Große gezielt, es ging um nicht weniger als eine interdisziplinär-linksintellektuelle Einheitsfront. Das Projekt ist gescheitert und lässt sich nur noch anhand von 40 Typoskriptseiten mit Gesprächsprotokollen und Mitarbeiterlisten aus dem Benjamin-Archiv nachvollziehen.

Welches Flämmchen man heute aus dem historischen Funken schlagen könnte, wollten in der vergangenen Woche die diesjährigen Brecht-Tage herausfinden. Mit Vorträgen zur „Angewandten Kritik“ und zum Verhältnis der Intellektuellen zur Utopie, mit Gesprächsrunden über unsere „Gesellschaft mit begrenzter Haftung“ und die Krise der Arbeitsgesellschaft. Ein großartiges Unternehmen hätte das werden können. Vorausgesetzt, man hätte im Brecht-Haus einen Plan gehabt und die verdienstvolle Institution der Brecht-Tage nicht über weite Strecken in ein chaotisches Laboratorium für alles und nichts verwandelt.

Zugegeben, das weit gespannte Thema „Krise und Kritik“ birgt die Gefahr des Verzettelns und des Abdriftens in Beliebigkeit. Das erklärt jedoch nicht, warum Thomas Martin aus seiner kritischen Bestandsaufnahme des Gegenwartsjournalismus einen sachlich belanglosen Überflug über die Zeitschriftenlandschaft von „Cicero“ bis „Motz“ machte, vorgetragen im Gestus der Publikumsverachtung. Auch von einem Gespräch zwischen dem Soziologen Wolfgang Engler und Guillaume Paoli, dem Mitbegründer der „Glücklichen Arbeitslosen“, hatte man mehr erwartet. Engler vertritt mit klarer Distanz zur „Romantik der Unmittelbarkeit“ seine Thesen aus „Bürger, ohne Arbeit“, will also den Staat nicht aus seiner sozialen Funktion entlassen. Um das Konzept der Arbeit als ideologisches Bindemittel des modernen Kapitalismus außer Kraft zu setzen, brauche es allerdings eine „Veränderung der Geschäftsgrundlagen des Denkens“, einen „Krach“ – den keiner sich wünschen könne.

Paoli hingegen geht es um eine gleichsam horizontal organisierte Solidarität, die auf den Gemeinsinn in selbst gestalteten Gemeinschaften setzt. Und flugs ist man angelangt bei deutschen demokratischen Hausgemeinschaften, dem Elend argentinischer Arbeitsloser und den Möglichkeiten, die Welt zu retten. Da musste man sich schon fragen lassen, worüber hier so freihändig und konzeptlos fabuliert wurde.

Auf der Höhe des Themas war wenigstens der österreichische Autor Robert Misik. Der spürte dem utopischen Unterfutter der Begriffe von Krise und Kritik bei Brecht und Benjamin nach. Krise, so Misik, steht im marxistischen Denken, das dem Fortschreiten des Geschichtsverlaufs vertraut, für keinen finalen Zustand, sondern einen „Verwandlungszeitraum“, das Versprechen auf ein besseres Neues. Die Kritik hätte auf diese „erneuernde Krise“ zuzusteuern. Den unorthodoxen Marxisten Brecht und Benjamin wäre es also weniger um die „Utopie des Ziels“ als um den „Utopismus des Prozesses“ gegangen. Auf diesem Boden ließe sich auch die Disposition des „radikalen Intellektuellen“ heute beschreiben: als „radikales Einverständnis mit seiner Zeit, im Willen, über sie hinwegzugehen“.

Das führt ins Zentrum des Brecht-Benjamin-Projekts, das sich vorgenommen hatte, die „Krise auf allen Gebieten der Ideologie“ entweder „festzustellen oder herbeizuführen, und zwar mit den Mitteln der Kritik“. Gescheitert ist der Plan vor allem an der „begrenzten Fähigkeit zum Kompromiss“ unter den Beteiligten, meint Erdmut Wizisla, Leiter der Brecht- und Benjamin-Archive und als solcher der beste Kenner der Materie.

Nun, 75 Jahre später, wird ein erneuter Versuch gestartet. Im April erscheint „Krise und Kritik“ vorerst als einmalige Publikation im Vertrieb der Wochenzeitung „Freitag“. Zu den ersten Beiträgern sollen Richard Sennett und Noam Chomsky gehören, der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen, der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und der kürzlich verstorbene Historiker Reinhard Koselleck. Verhandelt werden die Einschätzung der gegenwärtigen Situation, persönliche Krisenerfahrungen, Möglichkeiten von Kritik und ihrer Wirkung sowie der Sinn eines intellektuellen Zusammenschlusses. Ob sich die ökonomische und ökologische, die religiöse und soziale Krise zum Bewusstsein jener „großen allumfassenden Krise“ addieren, von der Brecht gesprochen hatte, bleibt abzuwarten. Doch immerhin könnte das Zeitschriften-Projekt den angekratzten Ruf der Brecht-Tage sanieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben