Kultur : Krisen-Zapping

„Spielplan Deutschland“ im Theaterdiscounter

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Die Krise ist nicht überwunden. Sie legt erst richtig los. Und zwar mit Beginn der Spielzeit 2010/2011, an den Stadt- und Staatstheatern zwischen Rostock und Regensburg, Aachen und Zittau. Der wirtschaftliche Niedergang, der im Börsenteil längst Schnee von gestern ist, wird der Diskursdauerbrenner der kommenden Saison. Und die ankündigende Intendanten- und Dramaturgenprosa der Vorschauhefte läuft sich wahlweise mit existenzphilosophischen Platitüden warm oder gibt küchenkalendarische Durchhalteparolen für die soziale Eiszeit aus. Klar, dass die Theatermacher-Sorgen dabei auch um die Geldnot ihrer Häuser selbst kreisen. In Hamburg und Zwickau steht eine „moderate Erhöhung der Eintrittspreise“ an.

„Spielplan Deutschland“ heißt das beliebte Zapping-Format, das an Georg Schareggs Theaterdiscounter erfunden wurde und den ultimativen Überblick darüber gewährt, was sich hinter den Vorhängen der Republik so tut. In der Regel klinken sich die Spieler dabei für kurze Szenen in die abendaktuellen Vorstellungen der deutschen Bühnen ein, was die muntere Simultan-Anmutung einer Bundesligakonferenz hat, nur dass es statt „Tor in München!“ eben „,Faust’ in Braunschweig!“ heißt. Nicht zuletzt legt dieses Leporello-Hopping auf smarte Weise bloß, dass die Spielpläne unserer etablierten Theater oft wie von einer Kulturbehörde nordkoreanischen Zuschnitts gleichgeschaltet scheinen: überall der gleiche Shakespeare–Schiller–Lessing.

Nun variieren Scharegg, Anne Verena Freybott und Heike Pelchen ihr „Spielplan“-Prinzip und bieten eine umfassende Saisonvorschau, die sich im Untertitel „Wege aus der Krise“ nennt – und einem mit Witz, Schnelligkeit und Charme schon jetzt jede Vorfreude auf die anstehenden Stadttheaterattraktionen raubt.

Ein zehnköpfiges Ensemble durchmisst die theatrale Roadmap Deutschlands und landet in einer uniformen Fußgängerzonen-Tristesse, wo „Hamlet“ neben „Kabale und Liebe“ steht wie H & M neben Pimkie. An 14 Theatern steht Büchners „Woyzeck“ auf dem Programm, immerhin zehn Bühnen glauben, mit Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ angemessen auf die ökonomische Misere zu reagieren, schließlich zeigt das Stück, „wie Moral vor Geld kapituliert“, wie es irgendwo zwischen Freiburg–Göttingen–Düsseldorf heißt. Hat nicht das zurückliegende Theatertreffen bewiesen, in welche Sackgasse der Geistesschlichtheit solcher Wille zur Krisenbewältigung führt? Wohl nicht, aber sieben Theater haben dort aufgeschnappt, dass Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“, soeben von „Theater heute“ zum Stück des Jahres gekürt, unbedingt nachspielenswert ist.

Irgendwann an diesem erhellenden Collageabend wird einem dann wieder bewusst, wie sehr einer wie Christoph Schlingensief dem Theater fehlen wird. Einer, der es sich mit dem Wort Krise nicht bequem gemacht hätte.

Wieder 23., 24. und 25. September

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