Kultur : Krisenbrise

Norbert Müllers satirischer Roman „Feierabend“

Ulrich Rüdenauer

Gleich zwei Therapeuten scheitern an Robert Feyerabend. Und die Selbsthilfegruppe „Schwanengesang“, in der sich Selbstmordkandidaten in ihrem Leiden an der Welt zu übertreffen suchen, wirft ihn raus. Dabei läuft es für Feyerabend zwischenzeitlich gar nicht schlecht. Als Piefke bringt er es in einer Wiener Eventagentur zu einigem Ruhm: Für eine Shampoo-Firma organisiert er auf dem Stephansplatz ein Multikulti-Haarewaschen. Seine Kollegen allerdings warten nur darauf, ihn auszubooten. Ehefrau Nora, Schriftstellerin und Egozentrikerin aus Leidenschaft, ist dem gestressten Mann weniger Hilfe als Sargnagel. „Unser Fall ist um einiges verfahrener als der Nahostkonflikt“, sagt er einmal. „Und einen Friedensnobelpreis gewinnst du damit auch nicht!“

Als Nora nach Jahren der Erfolglosigkeit reüssiert, gar die Bestsellerlisten und Klatschspalten erobert und mit ihrem Lektor durchbrennt, wird Feyerabends Situation ernst. Er zieht in eine „Substandardwohnung“, kündigt seinen Job, lässt sich sogar von der an der Regierung beteiligten FPÖ engagieren, die ihren lädierten Ruf durch ein internationales „Sommerfest“ verbessern möchte – was auf grandiose Weise schief geht. Der Karrieremensch gleitet immer mehr Richtung sozialer Härtefall ab. Außerdem steht der Millenniumswechsel bevor. Feyerabends Motto dürfte da längst nicht mehr das seines berühmten Namensvetters, des Philosophen Paul Feyerabend, sein: „anything goes“. Hier geht nichts mehr. Der Enddreißiger hat „den Raum des Entsetzlichen“ betreten. Alles in allem ist Feyerabend also ein sympathischer, etwas neurotischer, auch zynischer Zeitgenosse, der als Woody-Allen-Karikatur durch Norbert Müllers neuen Roman stolpert.

Nach Müllers von Thomas Bernhard’schem Suadaton angetriebenen, passagenweise überaus gelungenen Romandebüt „Der Sorgengenerator“ nun also der zweite Middle-Class-Midlife-Crisis-Fall. Diesmal wird die Literaturbetriebssatire angereichert um eine Werber- und Politik-Satire, schnoddrig, mit drehbuchreifen Dialogen, grotesken Überdrehungen, mitunter unterhaltsam – keineswegs unter Niveau, aber auch nicht mit Blick gen Büchner-Preis.

Müller, 1963 in Aachen geboren und heute in Berlin zu Hause, beschäftigt sich spöttisch und überzeichnend mit den Deformationen, die einem die gesellschaftliche Dynamik so zufügen kann. Langsam, aber sicher treibt sie das Individuum in die Krise. Aus der führt nur das Sich-Fügen ins Unvermeidliche: unüberwindliche Geschlechterdifferenzen, Politiksumpf und paranoide Workaholics. Ganz am Ende giften sich Nora und Robert am Telefon wieder einmal an. „Du hast dich nicht verändert!“ – „Du auch nicht!“ Fast klingt das wie eine Liebeserklärung. Das könnte doch noch was werden mit den beiden.

Norbert Müller: Feierabend. Roman. Residenz Verlag, Salzburg 2005. 221 Seiten, 19,90 €.

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