Kultur : Krisengebiet Erde: Welt unter Waffen

Armin Lehmann

BBC war schnell. Nur ein paar Minuten, nachdem sich in Israel zum wiederholten Male ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hatte, liefen bereits die "Breaking News" über den Bildschirm des britischen Senders. Eine Kamera lieferte Bilder, die dann in einer Endlosschleife ständig wiederholt wurden. Die Moderatorin diskutierte mit dem Korrespondenten über Hintergründe und das Ausmaß des Anschlags. Später brachten auch ARD und ZDF zur Nachrichtenzeit am Abend Extrasendungen. An diesem 9. August wurden 16 Menschen mit in den Tod gerissen. Die Welt schaute mal wieder entsetzt in den Nahen Osten.

In der gleichen Woche lief auch eine andere Meldung dieser Welt über die Nachrichtenticker der Medien. Das Land war unbekannter, der Krieg dort auch - Angola. Es war eine unheimliche Meldung, die man kaum glauben wollte. Ein Zug sei, hieß es, angegriffen und über 200 Menschen getötet worden. Erst am Freitag wurde die Wahrheit offiziell bestätigt: Die Rebellen der Unita, die das Land seit Jahrzehnten terrorisieren, hatten den Zug mit einer Minenexplosion zum Halten gebracht - und dann wahllos auf die in Panik flüchtenden Menschen geschossen. 252 Reisende wurden getötet, 165 verletzt. Die Regierung in Angola sprach von einem "barbarischen Angriff" gegen die Zivilbevölkerung. Sondersendungen im deutschen Fernsehen gab es nicht. Grafik: Die Krisenherde der Welt auf einen Blick Nahost, Mazedonien, Nordirland - das sind die Brennpunkte, die im Mittelpunkt der Berichte stehen. Und der Rest? Allein für das Jahr 2000 zählt das Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung 144 politische Konflikte auf diesem Erdball. Davon sind zwölf Kriege und 24 gewaltsame Krisen. Fast alle Kriege sind innerstaatliche Auseinandersetzungen. In der zentralen Frage der Konfliktforscher, ob die Welt kriegerischer oder friedlicher wird, kommen die Heidelberger zum Ergebnis: "Einerseits nimmt die Zahl der gewaltsamen Konflikte im Trend seit 1945 langsam, aber stetig zu. Dabei hat sich die Gewalt aus dem zwischenstaatlichen in den innerstaatlichen Raum verlagert." Andererseits weisen die Empiriker darauf hin, dass dieser Trend in Bezug auf die Vervielfachung der Konfliktpotentiale gesehen werden müsse. Schließlich hat allein die Vervierfachung der Zahl der Staaten seit 1945 zu einer höheren Zahl zwischenstaatlicher Konflikte geführt.

Der einsame Spitzenreiter in der Tabelle der Krisenregionen ist Afrika. Wo man auch hinschaut, herrscht entweder Krieg oder eine ernste Krise - teilweise seit Jahrzehnten. Die Liste ist lang, die Ungläubigkeit groß, wenn man sie sich vor Augen führt: Angola, Burundi, Kongo, Äthiopien-Eritrea, Guinea, Liberia, Sierra Leone, Sudan, Nigeria, Ruanda, Tschad, Uganda.

Das Beispiel Angola illustriert wie hoffnungslos die Lage in vielen Ländern erscheint. Nach der Unabhängigkeit im November 1975 hat sich die pro-westliche Guerilla-Organisation Unita gegründet. In 26 Jahren blutigen Bürgerkrieges starben mindestens eine halbe Million Menschen. Noch zu Zeiten des "Kalten Krieges" hat der Westen, vor allem die USA, die Rebellen unterstützt. Heute, wo die ideologische Konfrontation längst anachronistisch erscheint, hat sich die Unita als gut organisiertes Terroristenunternehmen entpuppt. Es geht um Diamanten, um die Hoheit der Minen und damit um die Macht im Land. In der Untersuchung der Heidelberger heißt es deshalb auch: "In Afrika wird es zunehmend schwieriger, zwischen politischen und materiellen Beweggründen zu unterscheiden."

Das gilt nicht nur für Afrika. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass der ideologische Putz, ob bei rechten oder linken Rebellengruppen, stark bröckelt. Was für die einst pro-westlich genannte Unita gilt, hat auch für die Guerilla im südamerikanischen Kolumbien seine Berechtigung: Sie ist zum Wirtschaftsfaktor mutiert, zum illegalen Unternehmen, das viele Bereiche des öffentlichen Lebens infiltriert. Die Geschäftszweige blühen, Drogen, Waffenhandel und vor allem: Entführung. Täglich verschwinden in Kolumbien Menschen und werden freigepresst. Bis nach Europa dringen diese Meldungen nur, wenn es zu Toten kommt oder Europäer betroffen sind - wie zurzeit.

Die marxistische Gruppe der Farc hatte sich am Donnerstag zur Entführung der drei deutschen GTZ-Mitarbeiter bekannt, die im Südwesten des Landes verschleppt worden waren. Am Samstag sollte der Lateinamerika-Beauftragte der Bundesregierung, Georg Boomgaarden, in Kolumbien eintreffen, um erneut über die Freilassung zu verhandeln.

Die kolumbianische Gesellschaft ist tief verunsichert. Viele verlassen das Land, die anderen werden zwischen den Fronten zwischen Guerilla, Paramilitärs und Drogenwirtschaft zerrieben. 120 000 Menschen sind in dem Bürgerkrieg gestorben, in 30 Jahren. Offiziell.

In Kolumbien wie woanders stellt sich die Frage, wann die internationale Gemeinschaft reagieren muss? Mit Friedensmissionen und Blauhelmeinsätzen oder zumindest mit Beobachtergruppen. Kein Geringerer als US-Präsident Bush hat oft genug betont, Kolumbien "ist unser Balkan". Das aber war vor seiner Wahl. Weder Europa noch die USA wollen sich ernsthaft in den kolumbianischen Dschungel wagen.

In anderen Teilen der Welt mühen sich die Vereinten Nationen redlich, aber das reicht nicht. Es fehlt an Geld, Ausstattung und oft am politischen Willen, Entscheidungen zu treffen. Immerhin: Zur Vermeidung und Eindämmung von Kriegen unterhält die UN 15 Friedensmissionen, die OSZE ist in 20 Ländern präsent, davon sind neun eigene Friedensmissionen.

Für die Hilflosigkeit der internationalen Gemeinschaft steht aber nicht nur Kolumbien, sondern einmal mehr Afrika exemplarisch. Der jüngste Bericht der Hilfsorganisationen Oxfam, Save the Children und Christian Aid macht dies am Beispiel des Kongo deutlich. 1,2 Millionen Menschenleben hat der Konfikt bisher gekostet, mehr als zwei Millionen Menschen hat der Krieg zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht. Über eine Million von ihnen mussten bisher ohne jegliche Hilfe auskommen. Das liegt zum Teil daran, dass die verschiedenen Rebellengruppen einzelne Gebiete beherrschen. Die Schlussfolgerung der britischen Organisation Oxfam ist niederschmetternd: "Nirgendwo in Afrika ist die Kluft größer zwischen dem, was an Hilfe nötig ist, und dem, was tatsächlich geleistet wird."

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