Kultur : Krisenmanagement

KOLJA MENSING

Arnulf Conradi, der Chef des Berlin Verlags, findet bekanntlich einen großen Teil der deutschen Gegenwartsliteratur doof.Vor einigen Wochen hat er sich in einem Interview mit dieser Zeitung dazu ausführlich geäußert.Die American Academy in Berlin wollte sich das Ganze jetzt noch einmal im O-Ton anhören.Unter dem Titel "Where have all the Authors Gone? Intellectual Publishing in Germany" lud man den Leiter des Berlin Verlags zu einem Gespräch an den Wannsee.Conradi hatte allerdings nicht eine, sondern gleich zwei Krisen mitgebracht: Die amerikanische Literatur, so sein neuester Befund, sei gerade dabei "auszutrocknen", es gebe nur noch wenige interessante Autoren in den Vereinigten Staaten.

Bei den Fellows kam diese These natürlich nicht so gut an.Alle haben sich erst einmal empört geräuspert, um dem "cultural and intellectual publisher" dann allerdings brav zuzuhören.Von der amerikanischen Krise kam Conradi zur Internationalisierung des Literaturbetriebes und zum Strukturwandel.Er sprach von den auch in Deutschland mehr und mehr an Bedeutung gewinnenden Literaturagenten - mit denen er selbst allerdings bisher immer nur gute Erfahrungen gemacht habe, wie er beruhigend feststellte, und dann fröhlich einer Vertreterin dieses Faches im Publikum zuwinkte: "Wir hatten doch nie Probleme, oder?" Und auf sein Lieblingsthema kam der Verleger gleich mehrmals zurück und empfahl den amerikanischen Gästen Ingo Schulze und Judith Hermann als Anzeichen dafür, daß es mit der Krise des Erzählens hierzulande nun zu Ende ginge.Interessant wurde es erst, als Conradi kurz auf den Wandel im Buchhandel einging und über die Internet-Shops sprach, die mit eigenen Bestsellerlisten eigene Bestseller machen: "Die Leute kaufen im Internet andere Bücher als in den Buchhandlungen", erklärte Conradi.Und ein Zuhörer wußte zu berichten, wie man lustigerweise mit der Bestellung von fünf Exemplaren ausgewählte Titel Thomas Hardys auf so einer Liste bei "Amazon.com" von Platz 300547 auf Platz 200223 befördern kann.

Warum es aber nun so schlecht um die amerikanische Literatur steht, konnte Conradi nicht erklären.Mehr Belege als den, daß er jüngst zum ersten Mal von einer Einkaufstour aus New York mit leeren Händen nach Hause gekommen sei, hatte er für seine These nicht.Aber zumindest ein Wort des Trostes sprach er, in Form einer tiefsinnigen Betrachtung, die man in allgemeinerer Form auch bei seinem Krisentheoretikerkollegen Oswald Spengler nachlesen kann: Die Nationalliteraturen seien Zyklen unterworfen, und auf eine schlechte Zeit folge irgendwann wieder eine gute.Wir können nur hoffen, daß Arnulf Conradi uns auch vor dem nächsten Schwung des Rades rechtzeitig Bescheid gibt.

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