Kultur : Krisenzeit ist Gründerzeit

Und es gibt sie doch: neue Literaturverlage in Berlin

Jörg Plath

Der Buchhandel klagt seit drei Jahren über sinkende Umsätze, doch in Berlin herrscht unter Verlagen regelrechtes Gründerfieber. Matthes & Seitz Berlin (Tagesspiegel vom 18. April) ist bereits gestartet, die Schwartzkopff Buchwerke, die die Literaturzeitschrift „ndl“ gerettet haben, halten sich noch bedeckt – anders als Wolf Jobst Siedler junior und Heinrich von Berenberg. Für beide Neuverleger gilt die Devise klein, aber fein.

Der Name Siedler hat im Buchhandel einen guten Klang, doch der Junior darf ihn nicht nutzen. Sein Vater verkaufte den durch Memoiren Prominenter und historische Werke bekannt gewordenen Verlag 1993 an Bertelsmann/Random House. Dort lernte Wolf Jobst Siedler junior Ende der 90er Jahre das Handwerk. Zuletzt gab er die Zeitschrift „Transatlantik“ heraus, in der Prominente Bücher des Hauses vorstellten. Als 2002 Marketingchef Volker Neumann, der jetzige Leiter der Frankfurter Buchmesse, gehen musste, folgte ihm Siedler junior.

Während der Siedler Verlag den Umzug aus Berlin in die Münchener Konzernzentrale vorbereitete, gründete der 46-jährige Junior hier mit Hilfe eines Bankkredits den „wjs Verlag“. Im Herbst wird er vier essayistische Bücher kultur-, zeit- und alltagsgeschichtlicher Art vorlegen. Pikanterweise sind zwei der Autoren, Sonja Magolina („Wodka“) und Eberhard Straub („Vom Nichtstun“), Autoren des Siedler Verlags. Hinzu kommen zwei Bücher über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, darunter die Neuauflage von Margaret Boveris „Tage des Überlebens“. Vier bis sechs Bücher je Halbjahr will der Verleger veröffentlichen, vorerst mit Hilfe freier Mitarbeiter. Siedler junior ist zuversichtlich, davon leben zu können. „Weil Konzernverlage gezwungen sind, hohe Auflagen zu erzielen, ist die Nische für mein kleines Unternehmen mit geringen Fixkosten groß genug.“

Ähnlich denkt Heinrich von Berenberg, und es klingt gewohnt selbstironisch, wenn er über die Erfolgsaussichten von „Berenberg“ spricht: „Ich kann ja nicht gleich nach der Gründung von der Marktführerschaft sprechen!“ Das wäre auch schwierig mit drei Büchern im Halbjahr, einer „Bibliothek der Lebensläufe“ mit Schwerpunkt in der klassischen Moderne und etwa 120 Seiten: einer Nietzsche-, einer Dali- und einer John Maynard Keynes-Biografie. Dazu kommt zum Auftakt – „eine Ausnahme!“ – ein vierter Titel, die Liebeserklärung der Argentinierin Christina Peri Rossi an „Die Zigarette“, die ihr die Ärzte verboten.

Der 53-jährige Berenberg hat zwei Jahrzehnte lang als Lektor für Klaus Wagenbach und Antje Kunstmann gearbeitet. Für die Münchener Verlegerin plante er eine eigene Reihe, die er nun gemeinsam mit seiner Frau selbst verlegt: „Man lebt schließlich nur einmal. Ich möchte jetzt mal was in eigener Verantwortung machen.“

Bei Vertrieb und Werbung kooperiert Berenberg mit Antje Kunstmann, die Herstellung übernimmt Rainer Groothuis, der einst für Wagenbach die in rotes Leinen eingeschlagene Salto-Reihe erfand. Der Verleger wird nebenher weiter lektorieren und kalkuliert vorsichtig: „Einen Kredit habe ich nicht gebraucht.“

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