Kultur : Krishna tanzt im Erzgebirge

Vexierbild von Tradition und Globalisierung: Das Berliner Haus der Kulturen der Welt erkundet im Festival „body.city“ die zeitgenössische Kultur Indiens

Oliver Heilwagen

Indiens Kultur ist süchtig nach Bildern. Tausende von Göttern, die den hinduistischen Himmel bevölkern, müssen in ihren Inkarnationen dargestellt werden, um sie den Gläubigen vor Augen zu führen. Ihre Abbilder sind im indischen Alltag omnipräsent, wie schon die Einrichtung jedes indischen Restaurants beweist. Indische Kultur ist sinnlich. Das Liebesleben der Götter wird in den klassischen Versepen Mahabharata und Ramayana ausführlich geschildert. Das macht die amourösen Abenteuer von Krishna, der seine Geliebte Radha gern mit Gespielinnen betrügt, zu einem bevorzugten Sujet der Kunst, die in einer kunterbunten Farbpalette schwelgt, deren Pastelltöne im Westen meist als kitschig empfunden werden.

Der indische Subkontinent mit seinen vielen Völkern, die mehr als 180 Sprachen sprechen, ist seit 3000 Jahren ein Tummelplatz der verschiedensten Einflüsse. Neues wird umstandslos in das Vorhandene integriert. Das sichert dieser Kultur ihre Kontinuität: Egal, was dazukommt, es wird hindisiert und damit handhabbar gemacht. Diese Eigenschaften haben indische Kulturerzeugnisse in den vergangenen Jahrzehnten zu Exportschlagern gemacht. Sie sind ideale Handelsware für eine weltweite Kulturindustrie, die Schrift zugunsten von Bildern verabschiedet und auf immer stärkere Reize setzt. Die Filme von „Bollywood“, der größten Traumfabrik der Erde, laufen in allen Entwicklungsländern von Afrika bis Polynesien. Als Bhangra und Asian Dub durchsetzen indische Klänge mittlerweile die Popmusik von New York bis Tokio.

Grund genug für das Berliner Haus der Kulturen der Welt, mit dem „body.city“-Festival die zeitgenössische Kultur Indiens in allen Facetten vorzustellen. Zwei Ausstellungen führen in diesen Kosmos ein. Der üblichen Überblicksschau zur Gegenwartskunst hat das Haus diesmal klugerweise eine historische Retrospektive zur Seite gestellt. „Indian Popular Culture“ setzt Mitte des 19. Jahrhunderts beim culture clash zwischen eigenständiger Kunst und englischem Kolonialsystem ein und blättert einen Bilderbogen auf, der einen Einblick in die kollektive Vorstellungswelt Indiens erlaubt.

Man staunt, zu erfahren, dass Indien vor hundert Jahren preiswerte Farblithographien idyllischer Landschaften aus deutschen Druckereien in großem Umfang importierte. Sie wurden als Bildvorlagen genutzt, in die man bedenkenlos Porträts indischer Götter und Sagengestalten montierte. Die Bilder sollen eine bukolisch-heitere Atmosphäre transportieren und wirken auf hiesige Betrachter unfreiwillig komisch, etwa wenn sich Krishna am Rheinufer oder im Erzgebirge von Radha umgarnen lässt.

Europa als exotisches Stimmungsbild ist heute noch ein geläufiger Topos der indischen Kultur. Bollywoods Regisseure drehen Liebesszenen, die zwischen schneebedeckten Gipfeln des Himalayas spielen sollen, einfach in der Schweizer Bergwelt, wenn die Lage in Kaschmir dies nicht zulässt. Frischvermählte lassen ihre Konterfeis in alpenländische Postkarten retuschieren, um dem Empfänger zu suggerieren, sie hätten ihre Flitterwochen dort verbracht. Der ferne Kontinent, einst Heimat der verhassten Eroberer, wird zum Sehnsuchtsort. Mit diesen Klischees setzen sich die Werke in „subTerrain“ kritisch auseinander. Der zeitgenössischen bildenden Kunst in Indien fehlt jede Neigung zur dekorativen Ausschmückung der Lebenswelt: Sie ist sozial und politisch engagiert bis zur Aggressivität. Aber sie verfolgt ihre Anliegen, indem sie an die realistisch-figurative Tradition ihres Kulturkreises anknüpft. Diese Arbeiten sind äußerst zugänglich und anschaulich bis zur Schmerzgrenze. So hat der im August dieses Jahres verstorbene Maler Bhupen Khakar vier Ölbilder beigesteuert, deren explizit homosexuelle Motive an Drastik kaum zu überbieten sind. „Bullet shot in the stomach“ schockiert hiesige Besucher mit der minutiösen Wiedergabe blutiger Eingeweide. Indische Betrachter sind derlei von ihren Göttern, die sich die Brust aufreißen, gewohnt. Auch die Großleinwände voller expressiver Gesichter in Nahaufnahme von Jitish Kallat können diejenigen, die ständig von monumentaler Kinowerbung umgeben sind, kaum überwältigen. Am überzeugendsten wirken die Installationen, die eine vergleichsweise verhaltene Ästhetik bemühen.

Sheba Chhachhi ist mit „Neelkanth: poison/nectar“ ein beeindruckender Kommentar zum Thema Umweltverschmutzung gelungen. Zum Meditationsbild eines Mandalas symmetrisch angeordnete Lichtsäulen, die an Wolkenkratzer erinnern, zeigen je ein menschliches Sinnesorgan. Ins Zentrum wird eine überdimensionale Aufnahme einer schluckenden Kehle projiziert. Damit spielt die Künstlerin auf den Mythos an, dass der Gott Shiva große Mengen an Gift verspeiste, das die Welt zu verpesten drohte.

Die typischsten Künste Indiens – Musik, Tanz und neuerdings Film – werden vom Festival ebenfalls in eigenen Reihen präsentiert. Insbesondere das im Oktober startende Filmprogramm glänzt mit herausragenden Beispielen indischer Kommerz-, Autoren- und Dokumentarfilme. Nur die erfolgreichste Produktion der jüngsten Zeit fehlt. „Lagaan“, der bereits in Berliner Kinos zu sehen war, erzählt vom erfolgreichen Kampf indischer Dörfler gegen die drückende Steuerlast der Kolonialzeit: Sie schlagen die Angelsachsen in deren ureigenstem Sport, dem Kricket. Ein Memento für unsere Epoche: Was damals Kricket war, ist heute Computersoftware.

Bis 16. November im Haus der Kulturen der Welt. Dienstags und mittwochs 10 – 18 Uhr, donnerstags bis sonntags 12 bis 20 Uhr.

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