Kultur : Kristalline Kirchturmspitzen

Markus Krause

Wer eine Galerie eröffnet oder neue Räume bezieht, legt auf die erste Ausstellung besonderes Augenmerk. Boris Brockstedt, der bisher in der Sächsischen Straße Arbeit und Wohnen miteinander verbunden hat, ist mit seiner Galerie in die Mommsenstraße gezogen. Seine erste Präsentation unterstreicht eindrucksvoll den künstlerischen Anspruch seiner Arbeit im Bereich der klassischen Moderne: Er zeigt Lyonel Feininger. Rund 50 meist kleinformatige Zeichnungen in Bleistift, schwarzer und farbiger Kreide geben einen intimen Einblick in die Werkstatt des umtriebigen Künstlers, der auf Schritt und Tritt "Natur-Notizen" anfertigte, die er später vielfach in die Kompositionen seiner Gemälde überführte.

Wohl am produktivsten war Feininger in in den Jahren nach 1910, genau in der Zeit, die jetzt in der Schau der Galerie Brockstedt im Mittelpunkt steht. Damals ist der knapp 40-jährige von Weimar aus mit dem Fahrrad kreuz und quer durch die umliegenden Dörfer und Städtchen gezogen, voller Begeisterung für die krummen Gassen, die pittoresken Häuser und die alten Kirchen, die er auf seinen Streifzügen entdeckte. Besonders Gelmeroda faszinierte ihn, ein kleines Örtchen drei Kilometer nördlich von Weimar, dessen Dorfkirche er wieder und wieder mit dem Zeichenstift porträtierte. Wer die entsprechenden Gemälde Feiningers von der Kirche kennt, auf denen der Bau zu einer imposanten, fast immateriell-mystischen Lichterscheinung verklärt ist, staunt beim Betrachten der zarten Blätter. Was man erblickt, ist ein kleines, alles andere als erhabenes Gotteshaus, bescheiden und schmucklos, das sich am Ende der Dorfstraße fast zu ducken scheint, wäre da nicht die lange, schmale Turmspitze, die sich wie eine Nadel in den Himmel bohrt. Im Verhältnis zum Baukörper wirkt dieser Turmaufsatz geradezu riesig. Er ist so groß, dass Feiningers frühe, um 1910 gemalten Bilder in den Sinn kommen, auf denen der Künstler mit übermütiger Lust am Grotesken die Proportionen der Dinge wild durcheinanderschüttelte. War er deswegen so fasziniert von der Kirche?

Eine fast minimalistisch anmutende Zeichnung der Turmspitze, datiert auf den 20. Mai 1913, führt auf den richtigen Weg: Deutlich sind hier die facettenhaften, nach oben spitz zulaufenden Flächen des helmartigen Aufsatzes zu sehen (14 000 Mark). Bei aller Naturnähe wirkt diese Form wie ein Kristall, in dessen Prismen sich das Licht auf vielfältige Weise zu brechen vermag. Schon 1907 forderte Feininger, in der Kunst müsse das Gesehene "innerlich umgeformt und crystallisiert werden". Der Kristall war bei den Künstlern des Expressionismus ein beliebtes Symbol, weil er wegen seiner schillernden Transparenz, seiner komplexen Raumstruktur als Zeichen des Metaphysischen gedeutet wurde. Feininger wollte in seinen Bildern die Wirklichkeit transzendieren, und deshalb entwickelte er in den darauffolgenden Jahren - in Kenntnis des Kubismus und Futurismus - den für ihn typischen Stil, den "Prisma-Ismus", wie er ihn nannte, mit dem er die sichtbare Realität in ein komplexes Gefüge transparenter, lichterfüllter Flächen übersetzte. Sein künstlerischer Antrieb war zutiefst romantisch - ebenso wie die Liebe zu den kleinen, verhutzelten Dörfern in Thüringen, die er mit nicht nachlassender Begeisterung besuchte. Die Zeichnungen bei Brockstedt zeigen, dass er sich von der Kirchturmspitze von Gelmeroda überhaupt nicht mehr trennen konnte. Ob er ahnte, dass dieses architektonische Detail im Kern bereits alles in sich trug, was ihn als Künstler später berühmt machen sollte?

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