Kristine von Soden über jüdische Emigrantinnen : Aufbruch ins Ungewisse

Was passiert zwischen dem Verlassen eines Ortes und dem Ankommen an einem anderen? Kristine von Soden erforscht die Schiffspassagen von jüdischen Emigrantinnen 1933 bis 1941.

Roswitha Quadflieg
Auf der Flucht vor den Nazis. Jüdische Flüchtlinge gehen 1939 an Bord des Schiffes St. Louis.  Das Schiff musste später nach Europa zurückkehren, weil weder Kuba, noch die USA, noch Kanada die rund 900 Menschen aufnehmen wollte.
Auf der Flucht vor den Nazis. Jüdische Flüchtlinge gehen 1939 an Bord des Schiffes St. Louis.  Das Schiff musste später nach...Foto: dpa / picture alliance

Die letzte Abbildung in diesem sorgfältig aufgemachten Buch ist eine Annonce des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, erschienen im Januar 1939 im „Jüdischen Nachrichtenblatt“: „Verlass uns nicht ohne einen Abschieds-Beitrag.“ Ähnlich zynisch klingen auch weitere dieser zum Teil bisher unveröffentlichten Dokumente.

Die in Philosophie promovierte Autorin Kristine von Soden hat ein Thema ausgegraben, das zu Herzen geht – und durch die heutige Flüchtlingsrealität und Flüchtlingsdebatte grausame Aktualität gewinnt. Wobei in diesem Buch nicht nur die großen Frauennamen nochmals abgehandelt werden, die einem zum Stichwort Exil einfallen – Mascha Kaléko, Monika Mann, Else Lasker-Schüler, Anna Seghers –, sondern auch fast vergessene.

Ihre Schicksale sind hier nicht, und das ist das Spannende, nacheinander aufgereiht (wobei eine kleine Liste der Namen im Anhang nicht abträglich gewesen wäre), sondern eingebettet in die Ereignisse, die mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und den Judenerlassen 1933 in Deutschland losbrechen, sich mit den Nürnberger Gesetzen 1935 wie ein Virus in den Hirnen festfressen, in der Kristallnacht 1938 gipfeln und allen folgenden Gräueln den Weg freimachen.

Hürden von deutscher und jüdischer Seite

Kristine von Soden zeigt, welche Hürden zu nehmen sind, wenn man den Entschluss gefasst hat, ins Exil zu gehen. Hürden von deutscher, aber auch von jüdischer Seite – vor allem wenn das gewünschte Ziel Palästina heißt. Und sie benennt, wer sich daran bereichert. Die Reichsfluchtsteuer, 1931 während der Weltwirtschaftskrise eingeführt, um vermögende Bürger von der Übersiedlung ins Ausland abzuhalten, mutiert zur Legitimation der Ausplünderung von Juden, deren Auswanderung ab 1933 „erwünscht“ ist.

Aber auch jüdische Hilfsvereine, Zeitungen und Firmen steigen ins „Auswanderungsgeschäft“ ein, beraten bei der Existenzgründung im Ausland, bei den strengen Einreise-Auflagen, beschaffen Visa und schalten Anzeigen: „Bevor Sie nach Palästina ausreisen, kaufen Sie bei uns besonders günstig: Koffer aller Art, Reise-Necessaires ...“, wirbt das Warenhaus Joseph in Neukölln: „Zieh aus, zieh ein – mit Silberstein!“

Mit lustigen Männlein illustriert das Speditionsbüro in Kreuzberg seine Anzeige. Aus Mitleid, das belegen die hier gesammelten Fakten, wird niemand aufgenommen. Auch nicht in Palästina. Bereits Ende 1933 verkündet der Zentralausschuss der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, dass nach bisheriger Entwicklung der Dinge nicht in Zweifel zu ziehen sei, dass ein Teil der deutschen Juden in Deutschland verbleiben muss.

Überfüllte Boote, wochenlange Irrfahrten

Wie ein Ariadnefaden führt durch von Sodens Ausgrabungen das Tagebuch der Berliner Kinderärztin Hertha Nathorff, die dank einer Bürgschaft des deutschamerikanischen Filmproduzenten Carl Laemmle 1939 New York erreicht. Überhaupt verdeutlichen Zitate aus unterschiedlichsten Quellen das Geschehen. „Und draußen weht ein fremder Wind ...“, eine Zeile aus einem Gedicht von Lessie Sachs, wählt die Autorin mit Bedacht als Titel. Denn in ihr und den folgenden Zeilen – „Singt eine fremde Melodie, / Ein fremdes Lied, ich hört’ es nie, / Ein Lied, Das mich nicht einbezieht“ – ist das ganze Drama der Emigration enthalten. Die deutsche Jüdin, 1897 in Breslau geboren, wusste es zu singen. Sie ging 1937 in die USA, erlag aber schon 1942 einem Krebsleiden.

Man erfährt viel über die Zustände auf den meist völlig überladenen Schiffen während der Überfahrten nach Schanghai, nach Montevideo. Die Königstein zum Beispiel wird, in Trinidad und Britisch Guyana abgewiesen, nach wochenlanger Irrfahrt mit 780 Emigranten an Bord endlich in den Hafen von Caracas in Venezuela gelassen. Auch die Konferenz im Juli 1938 in Evian ändert nichts am Schicksal derer, die „unterwegs“ sind. Im Gegenteil: 32 Nationen verriegeln ihre Grenzen nur um so fester.

Nazis verfrachten Juden auf Totenschiffe

Aber nicht nur über die Schiffpassagen von Emigranten liest man in diesem Buch. Auch über die Methoden der Nazis, gefangene Juden auf Schiffe zu verfrachten und diese zu versenken, über die sogenannten Totenschiffe. Anna Seghers verlässt nach Wochen des Passage-, Stempel- und Visa-Beschaffungs-Wahnsinns am 24. März 1941 mit ihrer Familie Marseille auf der Capitaine Paul Lemerle in Richtung La Martinique. An Bord schreibt sie Entwürfe zu ihrem Roman „Transit“, im Oktober 1942 beendet sie ihn in Mexiko.

Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, dass Emigration nicht allein das Verlassen eines Ortes, das Ankommen an einem anderen und das Sich-Einfindenmüssen in eine fremde neue Welt bedeutet, sondern was sich „dazwischen“ abspielt, für den ist dieses Buch unverzichtbar.

Kristine von Soden: „Und draußen weht ein fremder Wind ...“. Über die Meere ins Exil. AvivA Verlag, Berlin 2016, 240 S., 19,90€.

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