Kritik : Hart

Kreativ-Berserker: "Baal" im Deutschen Theater.

Christoph Funke

Bis zur Ekstase gab sich der junge Brecht dem Schöpferischen hin. Mit Baal schuf er, sich selbst im Blick, den ungebärdigen Dichter, der aus bürgerlichen Begrenzungen heraus will und alles niederreißt, was dem Genie im Wege ist. Es geht um eine neue Schöpfung von Paradies und Hölle, von Liebe und Moral, Gesetz und Ordnung. Baal verzehrt sich im Versuch, den Menschen groß zu machen. Rücksichtslos, brutal, höhnisch und doch auch zärtlich feiert er das von allen Fesseln befreite Individuum.

In drei Fassungen ist Brechts dramatisches Werk überliefert, fast zwangsläufig stellt jede Aufführung eine weitere Version her. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters macht Christoph Mehler den Kreativberserker Baal zum alleinigen Helden des Geschehens. Menschen und Umstände liefern lediglich Anlässe für immer neue poetische Entladungen. Dass da auch eine verlogene bürgerliche Gesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts gerichtet wird, spielt keine Rolle mehr. Baal ist Prophet, Verführer, Weltenschöpfer. Frauen, Freunde und Feinde dienen ihm allenfalls als Zernutzungsmaterial.

Mirco Kreibich bringt diesen Baal in einer zweistündigen sportlichen Höchstleistung auf die Bühne, zeigt ein von Nervosität durchzucktes Energiebündel ohne Rast und Ruh. Tanzend, kriechend, springend, rennend bleibt dieser Baal wie unter Zwang an ekstatisch-lyrische Verkündungen gebunden. Der Regisseur hat seinem Protagonisten einen langen Monolog hergerichtet, und so kann Kreibich ein schauspielerisches Feuerwerk abbrennen, das kein Innehalten kennt.

Anderen Darstellern bleibt daneben kaum Raum. Im tiefschwarzen Bühnengehäuse steht ein hölzernes Podest, eine niedrige Tribüne, die alle Handlungsorte, sofern sie überhaupt noch erkennbar sind, in sich aufsaugt (Bühne: Nehle Balkhausen). Die Abläufe verblassen, allein dem lyrischen Furor vertraut der Regisseur, und dem ist nur mit Mühe standzuhalten. Dennoch: gesitteter Beifall. Kein Tumult wie jener, der einst selbigen Orts nach der von Brecht höchstselbst inszenierten Aufführung am 26. Februar 1926 verzeichnet wurde.

Nächste Vorstellungen: An diesem Sonntag und Mittwoch, jeweils 20 Uhr.

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