Kritik : Innen ist auch gut

Die Sache mit dem Ich und der Welt: Marc Fischers nachgelassene literarische Reportagen.

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Hemingway fühlte sich wohl bei mir. Der Reporter und Schriftsteller Marc Fischer (1970- 2011). Foto: Enver Hirsch/Verlag
Hemingway fühlte sich wohl bei mir. Der Reporter und Schriftsteller Marc Fischer (1970- 2011). Foto: Enver Hirsch/Verlag

In seinem Vorwort zu Marc Fischers Reportageband schreibt „Spiegel“Chefreporter Cordt Schnibben, dass man bei der Lektüre neidisch werde auf dieses Leben: „Es fliegt glitzernd und glamourös vorbei, allein der so leicht beschriebene Nachmittag mit Kate Moss in einem Pariser Hotel hat gereicht, um mir die Frage zu stellen, ob ich vielleicht im falschen Leben zu Hause bin.“ Das ist ein etwas seltsamer Satz in einem ansonsten klug mit der Dialektik von Ich und Reportage- oder Textgegenstand (in diesem Fall Marc Fischer) spielenden Vorwort – gerade wenn man bedenkt, dass sich der Journalist und Schriftsteller Marc Fischer vor einem Jahr im Alter von 41 Jahren das Leben genommen hat.

Neidisch muss man vielmehr darauf sein, wie gut Fischer schreiben konnte. Wie gut seine Reportagen sich lesen, wie aufregend sie sind, auch jetzt noch, mitunter sechs, sieben oder zehn Jahre nach ihrem Erscheinen in den zahlreichen Magazinen, Wochenblättern und Zeitungen, für die er tätig war. Ja, und neidisch kann man auch darauf sein, wie gekonnt Fischer auf dem Grat zwischen Literatur und Journalismus balancierte. Was nicht zuletzt an der Ichigkeit der Texte liegt, daran, dass er sich oft selbst zum Helden seiner Geschichten gemacht hat, ohne dass das beim Lesen stören oder als Wichtigtuerei verstanden würde.

„Die Sache mit dem Ich“ heißt demnach dieses Buch, für das Fischer selbst noch die Idee hatte und dessen Aufbau und Auswahl seinen hinterlassenen Notizen folgt. Programmatisch ist folglich das 1999 entstandene Schlussstück des Bandes „Reise ins Ich“ betitelt. Es ist dies eine Reise in die „Fischerwelt“, in welcher der Held am liebsten mit seinen Helden auf der Veranda sitzt und Sonnenuntergänge verfolgt, mit toten und lebenden Helden wie Hemingway oder Leonard Cohen, Albert Camus, João Gilberto, Jack Kerouac, Iggy Pop. Tragisch ist dann nur, so Fischer, „wenn ich nach einiger Zeit wieder herausmuss aus der Fischerwelt, weil die Welt draußen meine Anwesenheit verlangt“.

Die Welt draußen, das waren etwa Nairobi, Kenia, wo der Reporter Angehörige der somalischen Regierung trifft. Das war Key West, wo Marc Fischer „eine Geschichte über einen Ort namens Hemingway“ recherchiert, oder Montecito, Kalifornien, wo er mit T. C. Boyle spazieren geht. Oder auch der Werbellinsee in Brandenburg, wo Fischer dem „Pfingstfest der Linken“ beiwohnt und auf die Frage an Gesine Lötzsch, wie die von ihr ins Auge gefasste Revolution („Meinen Sie das ernst?“ – Ja, klar!“) aussehen solle, keine Antwort erhält.

Die äußere Fischerwelt war aber nicht nur die Welt weit draußen, überall auf dem Globus, sondern auch die Welt des Pops. Dort wurde Fischer in den achtziger und neunziger Jahren entscheidend und nachhaltig sozialisiert. In „Die Sache mit den Neunzigern“ steht eigentlich alles, was man über die neunziger Jahre wissen muss, von Douglas Coupland bis Techno. In „Die Sache mit den Rolling Stones“ steht anlässlich der Premiere des Scorsese-Films „Shine A Light“ definitv alles, was man heute noch über die Stones wissen muss: „Die Rolling Stones sind die dünnste und älteste und seltsamste Band der Welt“. Und „Die Sache mit den Beastie Boys“ demonstriert, wie schön und intelligent Fischer überhaupt über Pop und Popmusik schreiben konnte. Wie wenig er von dem ganzen musikologischen Quatsch hielt, wie wichtig ihm andere Parameter waren, etwa die Liebe der Beastie Boys zu ihrer Heimatstadt, „die weniger eine Liebe zum echten New York als eine Liebe zu New York als Idee eines friedlich koexistierenden Zusammenlebens zu sein scheint“.

Fischers Texte, Reportagen und Geschichten sind mitunter witzig, immer unterhaltsam, immer gedankenreich, nie mit dem erhobenen Zeigefinger herumwedelnd. Und manchmal wunderbar doppelbödig: Wenn der Reporter in der Schlange des Berghains steht. Oder er einer jungen Argentinierin oder auch einem imaginierten Joseph Roth das Berliner Nachtleben zu erklären versucht.

Am schönsten aber sind sie vielleicht, wenn sie nicht voller Welt oder Glitzer oder Berlin sind, sondern sich allein um die Menschen drehen: wie um die 15-Jährige, die plötzlich in des Reporters Auto sitzt und in deren Leben und Reden er gleich zwei Generationen spiegelt. Oder wie um den Freund, der die Geschwindigkeit liebte, so sehr, dass er bald an Drogen zugrunde ging. Von Reportagen muss hier keine Rede mehr sein, sondern von Literatur: von Short Stories, wie sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten zu lesen sind.

Marc Fischer: Die Sache mit dem Ich. Reportagen.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012.

296 Seiten, 17, 90 €.

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