Kritik: Konzerthausorchester unter Iván Fischer : Sieben geheimnisvolleTüren

Das ist selten: Iván Fischer dirigiert bei Bela Bartóks einziger Oper nicht nur das Konzerthausorchester, sondern spricht auch den Prolog des Barden.

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Mann des Mikros. Iván Fischer hat den Bartók-Barden-Prolog auf Ungarisch gesprochen.
Mann des Mikros. Iván Fischer hat den Bartók-Barden-Prolog auf Ungarisch gesprochen.Foto: Promo/Marco Borggreve

Im Theater tritt, wenn es mit „Herzog Blaubarts Burg“ ganz werktreu zugeht, ein Barde auf, um sein Publikum in alte Märchentage zu entführen. Dass die Märchen einen ewig gültigen, tiefen Sinn hätten, versichert der Barde in ungarischer Sprache. Es ist der Dirigent Iván Fischer, der sich hier ausnahmsweise in seiner Muttersprache vernehmen lässt. Ein schmeichelnder Klang, der zum Lauschen auffordert, und eine willkommene Rarität. Denn in heutiger Bühnenpraxis wird dieser Prolog zu Béla Bartóks einziger Oper meistens weggelassen.

Da man sich aber im Konzerthaus befindet, wo das Stück auf dem Podium gespielt wird, macht die Vollständigkeit Sinn. Denn es geht um die kompositorische Ganzheit des Werkes, dessen Partitur, Konstruktion und Klangvision beleuchtet werden. Verzicht auf die Szenerie wird in Kauf genommen. Trotzdem entsteht kein Plädoyer für konzertante Opern, eher eines für genaues Hinhören. Die Handlung führt in das finstere gotische Schloss, wo Blaubart seine Grausamkeit, Goldgier, blutige Blumenpracht, die Tränen, die er verursacht hat, und schließlich seine geliebten und ermordeten Frauen – auf der Opernbühne stumme Figuren – in verschlossenen Kammern verbirgt.

Harfen und Flöten illustrieren den Tränensee

Im Saal jedoch herrschen Helligkeit und plakative Übertitel, sodass die Aufführung des Konzerthausorchesters den Charakter einer packenden Lektion gewinnt. Die symbolistische Seelenballade, die Béla Balász im Schatten Maeterlincks gedichtet hat, wird anschaulich Note für Note, wenn das Blech die Waffen, wenn Harfen und Flöten den quellenden Tränensee illustrieren. Sieben geheimnisvolle Türen öffnen sich, um Musik sichtbar zu machen, ihre Instrumentierungskunst vor allem. Mit dem blendend aufgelegten Orchester ist das Konzert pädagogische Vermittlung con amore.

Herzog Blaubart und Judith, die letzte und „allerschönste“ seiner Geliebten, werden von zwei Interpreten gesungen, die seit Jahrzehnten in ihren Rollen heimisch sind und sie auch szenisch wiederholt dargestellt haben: Ildiko Komlosi, gebürtige Ungarin und Mezzosopranistin, ist für die Musik des Komponisten aus ihrer Heimat prädestiniert. Sie kann die Partie auswendig singen. Falk Struckmann aus Heilbronn hat sich als Wagners Holländer und Wotan einen guten Namen gemacht, aber daneben stets den Blaubart im Repertoire geführt. Sängerin und Sänger steigern sich mit heftiger Expressivität in Bartóks tragischen Hymnus der Liebe, der mit Tod der Frau und Einsamkeit des Mannes endet.

Glücklicher ergeht es den Prinzessinnen in Igor Strawinskys „Feuervogel“, weil sie aus der Macht des bösen Zauberers Kastschei befreit werden. Als Eingangsstück des Programms steht eine Suite des Ballettmärchens für die Nähe der beiden Komponisten Bartók und Strawinsky. Es flattert der Feuervogel, der Höllentanz kracht, bis das wunderbar singende Fagott aus dem Konzerthausorchester unter seinem Chefdirigenten Iván Fischer die Geschichte dem Happy End entgegenführt.

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