Kritik : Schichttorte

Das Debütalbum von Mick Jaggers Band All-Star-Projekt Superheavy mischt Rock mit Reggae

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Foto: Frank W. Ockenfels
Foto: Frank W. Ockenfels

Die Diva lässt der Jugend den Vortritt. Aber nur für eine knappe Minute. Also genau so lange, dass man sie gerade noch vermisst. Dann schneidet sie mit einem gekreischten „Ahhhh“ einmal quer durch die hübsche Duett-Stimmung, die Damian Marley und Joss Stone gerade aufgebaut haben. Mick Jagger weiß eben, wie man einen Auftritt inszeniert.

„Miracle Worker“ heißt dieser fluffige Reggae-Song, der ein bisschen an UB 40 erinnert. Es ist die erste Single von Jaggers Projekt Superheavy, für das er neben der Soulsängerin Stone und dem jüngsten Bob Marley-Sohn noch den indischen Komponisten A. R. Rahman („Slumdog Millionaire“-Soundtrack) sowie Dave Stewart, früher eine Hälfte der Eurythmics, gewinnen konnte. Diese Kombination erscheint ziemlich abwegig, entspricht sie doch so gar nicht dem gängigen Supergroup-Muster. Denn meist finden sich in solchen Star-Bands ja Musiker eines Genres und meist auch eines Alters zusammen. Bei Superheavy jedoch treffen fünf Generationen, vier Länder und vier bis fünf Genres aufeinander. Von dieser Vielfalt sind auch die 12 Songs des selbstbetitelten Albums geprägt, wobei Reggae und Rock die dominanten Stile sind. Ein paar Mal funktioniert diese multikulturelle Schichttorte überraschend gut, etwa beim Dancehall-beeinflussten Opener „Superheavy“ oder bei „Unbelieveable“, der Bollywood-Sounds mit Off-Beats kombiniert.

Doch dann gibt es immer wieder Momente, in denen sich Mick Jagger an seine vielen Rolling Stones-Fans zu erinnern scheint, die er auf keinen Fall enttäuschen will. Also wird das zunächst von Damian Marley halbwegs spannend angeführte „Energy“ in einen öden Rock-Song verwandelt, inklusive angeberisch herumlärmender E-Gitarre. Das von Jagger allein komponierte „I Can’t Take It No More“ klingt wie ein mittel-inspiriertes Stones-Stück, das auf einem abgeschmackten 08/15-Riff aufbaut. Und im Balladenfach überzeugt einzig das von Joss Stone und Damian Marley gesungene und mit Dave Stewart komponierte „Rock Me Gently“. Hier kommt einmal ein wenig Soul-Stimmung auf – den bei Bob Marley & Wailers geklauten Groove in der Mitte hätte es dazu nicht unbedingt gebraucht.

Relativ zurückgenommen operiert A. R. Rahman, was ein bisschen schade ist, gehört doch die erste Hälfte seines Songs „Satyameva Jayate“ zu den interessantesten des Albums – bis auch er niedergerockt wird. Jagger kann das auch auf Urdu. So geht das von ihm und Stewart produzierte Superheavy-Experiment letzlich nur halb auf. Zwar hört man das Bemühen der Briten, sich auf Ideen jenseits des Rock-Mainstreams einzulassen, doch sind sie darin nicht konsequent genug. Etwas aufregend Neues entsteht trotz der bunten Einflüsse nicht. Wie innovative generationenübergreifende Genreverschmelzung geht, hat Damon Albarn mit dem letzten Gorillaz-Album sowie dem Projekt The Good The Bad And The Queen besser gezeigt. Nadine Lange

Superheavy erscheint am Freitag, 16. September, bei Universal.

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