Kritiken : Königliche Kunst

Es geben sich die Ehre: Queen & Paul Rodgers im Velodrom, Johann Moritz Rugendas in der Berliner Dependance des Kölner Auktionshauses Lempertz und die Deutsche Oper mit dem Märchen von der Zauberflöte.

ROCK

König ohne Reich

Ein Fanplakat bringt das Dilemma wortlistig auf den Punkt: „Brian May – Born to be King“, steht da, obwohl May doch eigentlich Queen-Gitarrist ist, oder vielmehr: war. 17 Jahre nach dem Tod ihres Sängers Freddie Mercury versucht die legendäre Rockformation, im Velodrom Bandkontinuität herzustellen. May und Drummer Roger Taylor haben dazu Paul Rodgers angeheuert, den einstigen Free- und Bad-Company-Sänger – zusammen sind sie Queen & Paul Rodgers. Zum Glück macht Letzterer keine Anstalten, seinen flamboyanten Vorgänger Mercury zu kopieren, stattdessen gibt er den ehrlichen Rocker für die ganze Familie. Mit seiner in rauen Bluesrock-Gefilden beheimateten Stimme bekommt Rodgers die elaborierten Melodiebögen der Queen-Hits gut in den Griff, auch wenn sich manche Intonation verschiebt: So machomäßig hat „Fat Bottomed Girls“ nie geklungen, und dem Rap von „Another One Bites the Dust“ geht leider jeglicher Flow ab. Vor allem die Erfolgsnummern der späten Phase wie „I Want to Break Free“ oder „Radio Gaga“ werden im fast ausverkauften Oval stürmisch bejubelt. Dazwischen lassen sich aktuelle Songs unfallfrei einstreuen, deren stumpfer Bombastrock wenig begeistert. Natürlich lässt sich Brian May, einer der eitelsten Gitarrenposer des Planeten, ausgiebig für die handwerkliche Meisterschaft seiner Soloexzesse feiern, legt aber auch ungeahnte Zärtlichkeit bei der tränentreibenden Akustikversion von „Love of My Life“ an den Tag. Man muss Queen & Paul Rodgers hoch anrechnen, dass sie den Vergleich mit der Vergangenheit nicht scheuen: Bei „Bohemian Rhapsody“ kommt Freddie Mercurys Stimme vom Band, was die Leerstelle schmerzlich verdeutlicht. Das um drei Tourmusiker aufgestockte Trio liefert als routinierte Rockmaschine fast zweieinhalb Stunden eine perfekte Show ab, die fast zwangsläufig mit „We Will Rock You“ und „We are the Champions“ endet. Letzteres stimmt zwar nicht mehr, aber der Versuch ist ehrenwert. Jörg Wunder

KUNST

König der Zeichner

In Chile ist er noch immer eine Berühmtheit, in seinem Geburtsland Deutschland kennen ihn nur Spezialisten – zu Unrecht. Der Maler Johann Moritz Rugendas war ein Künstler-Nomade und Weltenbummler. Alexander von Humboldt zählte ihn zu seinen Freunden. Als er Humboldt 1825 seine während einer Expedition in den brasilianischen Dschungel entstandenen Zeichnungen und Aquarelle zeigte, war der berühmte Naturforscher ob der naturgetreuen Darstellung tropischer Flora und Fauna begeistert. 1834 reiste Rugendas – obwohl ihn Humboldt eindringlich gewarnt hatte – nach Chile. Dort blieb er acht Jahre. In der Berliner Dependance des Kölner Auktionshauses Lempertz wird nun eine konzentrierte Auswahl von Rugendas’ Zeichnungen und Gemälden gezeigt, die zum ersten Mal die Nationalmuseen in Santiago de Chile verlassen durften (Poststraße 22, bis 30. 9., Mo-Fr 10-17.30 Uhr, Katalog 39 €). In Rugendas’ Geburtsstadt Augsburg gastierten sie zuvor. Die dortigen Kunstsammlungen besitzen ebenfalls Werke von ihm, von denen man sich einige als künftige Leihgaben im Humboldt-Forum wünschte. Denn Rugendas war der erste europäische Künstler, der die Geschichte und Volkskultur des damals noch jungen Nationalstaats ins Bild setzte. In Deutschland wäre er einer unter vielen gewesen. In Chile wurde er zum Begründer der modernen akademischen Malerei. Michael Zajonz

KLASSIK

Königin ohne Gleichen

„Die Zauberflöte“ ist ein einfaches Märchen. Sicher, da ist die große kompositorische Leistung von Mozart: Er sprengt hier Gattungsgrenzen, lässt die unterschiedlichsten Musikstile der Zeit voller Innigkeit verschmelzen. Und doch ist da ein naiver Kern: Man kann das Stück als Kinderoper inszenieren und schlicht die mystische Geschichte erzählen, ohne musikalische Tiefe. So zeigt es die Deutsche Oper im Märchen von der Zauberflöte (wieder am 24., 25., 26., 27. September). Im 1800-Plätze-Zuschauersaal werden in der Annäherung an das Original Jung und Alt von einem Erzähler durch die Geschehnisse geführt – und dabei Zeuge, wie Pamina (herausragend: Heidi Stober) und ihr Schwarm Tamino viele Abenteuer bestehen müssen, ehe sie miteinander glücklich werden dürfen. Ein aufwendig gestaltetes Bühnenbild (Thomas Gabriel) wandelt sich vom funkelnden Reich der Königin der Nacht bis zum tierischen Märchenwald. Regisseurin Gerlinde Pelkowski erzählt die Geschichte kindgerecht und höchst lebendig. Bis zum Orchestergraben dringt diese Vitalität jedoch nicht vor. Sollte eigentlich das Landesjugendorchester die Handlung zum Klingen bringen, so sind es nun Mitglieder und Seminaristen des Orchesters der Deutschen Oper, die sich ziemlich lustlos durch die verkürzte Partitur quälen und der Mozart’schen Musik dabei stellenweise den Zauber rauben. Die jungen Opernfans auf den Rängen applaudieren trotzdem begeistert. Vielleicht kommen manche ja später mal wieder. Für die Oper wäre das ein zauberhafter Erfolg. Daniel Wixforth

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