• Kritiker empfehlen gesellschaftliche Radikalkur zur Rettung der Arbeit - und bleiben dabei nebulös

Kultur : Kritiker empfehlen gesellschaftliche Radikalkur zur Rettung der Arbeit - und bleiben dabei nebulös

Hella Kaiser

Kaum eine Woche vergeht, an dem nicht irgendein Unternehmen Entlassungen verkündet. Staatliche Beschäftigungsprogramme konnten die Misere kaum lindern, und ihre Finanzierung wird - man denke an den deutschen Sparhaushalt - immer schwieriger. Ende der 70er Jahre begann die sogenannte Krise der Arbeitsgesellschaft, und bis heute fehlen Rezepte, wie ihr wirksam beizukommen ist.

Eine Reihe gesellschaftskritischer Autoren empfiehlt jetzt eine Radikalkur. Unter dem markigen Titel "Feierabend" haben sie "elf Attacken gegen die Arbeit" publiziert. Das in einer Zeit zu wagen, in der Arbeit zum kostbaren Gut geworden ist, klingt zunächst nicht nur provokant, sondern auch reichlich naiv. "Hauptsache, Arbeit", heißt doch die moderne Daseinsformel.

Diese Einstellung habe sich, so Robert Kurz in seinem historischen Rückblick, erst im Zuge der industriellen Revolution herausgebildet. Zuvor wäre niemand auf die Idee gekommen, mehr zu arbeiten als für den Lebenserhalt unbedingt nötig gewesen sei. Im neunzehnten Jahrhundert zwangen Fabrikanten die Arbeiter durch extrem niedrige Löhne dazu, immer mehr Stunden an den Werkbänken zu verbringen. Später beschleunigte sich das Arbeitstempo derart, dass die Menschen in ein paar Stunden ein Pensum schaffen mussten, wofür sie zuvor einen Tag lang Zeit hatten. "Die Raffinesse in der Absaugung von Lebensenergie steigerte sich mit Hilfe der Rationalisierung der Zeit, die bis heute anhält" schreibt Kurz.

Die Mikroelektronik brachte eine neue Variante. "Nicht mehr massenhafte Überausbeutung, wie im Frühkapitalismus, sondern massenhafte Überflüssigkeit der Menschen" ist nach Ansicht von Norbert Trenkle zu verzeichnen. Es sei schlicht falsch, wenn konservative Wirtschaftswissenschaftler behaupten, hohe Löhne seien die Ursache für mangelnde Jobangebote. Schließlich könne auch die am schlechtesten bezahlte Hemdennährerin in Lateinamerika nicht mit der maschinellen Herstellung konkurrieren.

Bleibt als Ausweg die viel beschworene Dienstleistungsgesellschaft, die nach Ansicht von Experten neue, andere Tätigkeitsfelder eröffnen werde. Norbert Trenkle zerrupft diese Hoffnung gründlich. Denn, um welche Jobs ginge es da? In den USA, wo die Arbeitslosenquote auf gut vier Prozent gesunken ist, stieg zugleich die Rate der sogenannten working poor. Von einem einzigen der neuen, schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsplätze könne kaum noch jemand leben. Zudem habe der Schuldenstand in den Vereinigten Staaten stark zugenommen.

Nach Ansicht der Autoren ist der Begriff Arbeit zum Abstraktum ohne Inhalt verkommen. Das bestehende System zwinge den Menschen zum Nutzendenken, persönliche Neigungen und Interessen hätten keinen Platz mehr. Wie finden wir aus dem Dilemma heraus? Sobald es um konkrete Vorschläge geht, drücken sich die Autoren verschwommen aus. Da wird die reale Aufhebung der "herausgelösten Ökonomie" gefordert. Die "durch den Kapitalismus blindwütig hervorgetriebenen Produktivkräfte sollen nach Maßgabe einer inhaltlichen, sinnlichen Vernunft" umgeformt werden und "Bedürfnisse und Produktion in ein durchsichtiges Verhältnis gebracht" werden. Wie das funktionieren soll, bleibt nebulös.

Das Buch fordert dem Leser durch sein theoretisch verquastes Vokabular eine Menge Geduld ab. Dennoch lohnt eine Auseinandersetzung. Die Bestandsaufnahme der Autoren zeigt deutlich, dass es wenig Sinn macht, vor den gegenwärtigen Problemen die Augen zu verschließen. Man wolle keine endgültigen Wahrheiten verkünden, sondern das Feld einer Debatte eröffnen. Wo Rezepte fehlen, kann das Nachdenken über Utopien nicht falsch sein.Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hrsg.): Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1999. 253 Seiten. 34 DM.

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