Kritische Literatur : Die Schlacht ums Tier

Frisch auf den Tisch: Jonathan Safran Foer hat aufgeschrieben, was er in Farmen mit Massentierhaltung und Schlachthöfen erlebt hat. Sein Buch ist ein Manifest für das vegetarische Leben.

Hans-Peter Kunisch
Jonathan Safran Foer schreibt in "Tiere essen" über qualvolle Massentierhaltung und Schlachtungen, die keine Ausnahmen sind.
Jonathan Safran Foer schreibt in "Tiere essen" über qualvolle Massentierhaltung und Schlachtungen, die keine Ausnahmen sind.Foto: dpa

Zu behaupten, dass sich die Literatur nie um Tiere gekümmert habe, wäre falsch. In lehrreichen Fabeln und teils grausamen Märchen spielen Schlangen, Mäuse und indische Tiger seit Jahrtausenden eine gewichtige Rolle, als Spiegel des Menschen oder als sein ganz Anderes. Auch um die Gewohnheit des Essens gibt es in allen Kulturen Geschichten, wobei es oft mehr um Tischregeln geht oder die Bedeutung von Nahrungsmitteln. Die Tendenz, sich moralisch über das Verhältnis des Menschen zu Tieren, ihre Behandlung oder gar ihr Verspeisen herzumachen, ist hingegen, wenn nicht alles täuscht, ziemlich neu.

Man mag die Hungerkünstler-Erzählung des Vegetariers Kafka als Hinweis in diese Richtung deuten, aber auch dann steht sie eher allein. Orwells „Farm der Tiere“ hat mit Tieren wenig zu tun, und Peter Singers bahnbrechende „Befreiung der Tiere“ aus den siebziger Jahren ist doch eher Philosophie. Erst seit sich der südafrikanische Nobelpreisträger J.M.Coetzee in „Das Leben der Tiere“ über seine Kunstfigur Elizabeth Costello mit dem Thema beschäftigt hat, erlebt das Essverhalten des Menschen eine neue literarische Konjunktur. Allein in dieser Saison machen sich drei Werke Gedanken dazu. Rolf Lappert geht es in seinem Roman „Auf den Inseln des letzten Lichts“ unter anderem um die moralischen Folgen von Tierversuchen. Karen Duve überlegt sich ab Januar wie „anständig essen“ denn wäre. Doch am meisten Aufsehen erregt Jonathan Safran Foer mit seinem romanhaft schillernden Manifest „Tiere essen“.

Das Aufsehen hat damit zu tun, dass Safran Foer gleich mit seinem ersten Roman „Alles ist erleuchtet“ ein Bestseller gelang. Diese irrwitzig-skurrile Suche nach Spuren eines Holocaust-Großvaters in der Ukraine deutete nicht unbedingt darauf hin, dass Foer ein Buch über Freilandhaltung und Schlachthausarchitektur schreiben würde. Doch „Tiere essen“ ist auch für sich gesehen erstaunlich, weil es verschiedenste Fetzen des zeitgenössischen Diskurses zum Thema bündelt und dabei allen Extremen auszuweichen versteht. Es kommt zuerst geradezu sanft, fast windelweich daher, um sich am Ende keineswegs relativistisch zu verdrücken. Eindeutig bezieht es eine Position, die man umso ernster nimmt, weil sie sorgfältig begründet ist und ohne rechthaberisches Pathos auskommt.

Die erste Überraschung ist, dass Safran Foer ohne Anstrengung eine Brücke zu „Alles ist erleuchtet“ schlägt. Genau genommen ist „Tiere essen“, nach dem Großvater-Buch, nun eine Hommage an die Oma, die die Flucht vor den Nazis überstand und bei ihren Enkeln als größte Köchin aller Zeiten gilt, obwohl sie, mittlerweile über neunzig, vor allem ein Gericht beherrscht: Hühnchen mit Möhren. Auf ihrem Weg nach Westen aß sie, was sie kriegen konnte, von Abfällen, irgendwoher. Aber bei einer Sache sagt sie nein. Als sie wieder einmal kurz vor dem Verhungern ist, bietet ihr ein Mann ein Stück Fleisch an. Warum lehnt sie ab? „Doch nicht, weil es nicht koscher war? – Natürlich. – Auch nicht, um dein Leben zu retten? – Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten.“

Nun kann man nicht sagen, dass Foer religiös wirkt, auch wenn er stolz darauf ist, dass das Judentum Tiere traditionell vergleichsweise gut behandelt. Und ganz klar wird der Sinn des Großmutterworts erst am Ende, doch im ersten, autobiografisch-literarischen Geschichtenteil stellt Foer auch die eigene Einstellung zu Fleisch auf dem Tisch vor. Und bringt dabei so frivole Gedanken ins Spiel, wie dass eine seiner vegetarischen Phasen während des Studiums mit dem Bemühen verbunden war, „den Brüsten der Aktivistinnen näherzukommen“. Erst als er zum ersten Mal Vater wird und sich über die Ernährung des Kleinen den Kopf zu zerbrechen beginnt, merkt er, dass er seine Gedanken durch Recherchen untermauern sollte – der Ausgangspunkt von „Tiere essen“.

Die Nachforschungen führen Foer, teils heimlich, mit Helfershelfern, auf die letzten traditionellen Farmen Amerikas, in Massentierhaltungen, Schlachthäuser, gängige und alternative, was genügend entsetzliche Bilder von bei lebendigem Leib zerlegten Rindern, in die Augen gestochenen, vor Todesangst kollabierenden Schweinen, als „Beifang“ des Thunfischkriegs massenhaft tot ins Meer zurückgeworfenen Meerestieren ergibt.

Dieser dokumentarische Teil des Buchs ist, auch wenn in anderen Büchern ähnlich vorhanden, natürlich einer der eindrücklichsten. Foer führt vor, wie sich Literatur journalistisch-dokumentarischer Mittel bedienen und davon profitieren kann. Dabei sind die Eindrücke dieser Passagen so stark, weil Foer sie meist für sich selbst sprechen lässt, ohne sie literarisch zu überhöhen.

Selbst hier setzt Foer selten moralische Spitzen. Lieber überlässt er es den Angestellten von Schlachthäusern und Ähnlichem, ausführlich von ihrer Arbeit zu berichten. Dadurch erhält das Buch etwas von Richard Sennetts „Flexiblem Menschen“. Denn die Angestellten der Massentierhaltung kommen teils selber noch aus einer anderen Gesellschaft, in der die Bauern, noch vor dreißig Jahren, ihre Tiere beim Namen kannten. Jetzt wissen sie selbst nicht so recht, wie die dramatische Entwicklung der letzten Jahrzehnte einfach passieren konnte.

Das hilft der Sache nicht viel, wissen die Überzeugten. Geschlachtet werden die Viecher allemal. Doch durch die geschickte Auswahl seiner Zeugen macht es der Autor sich und seinen Lesern nicht ganz so einfach. Wenn er etwa eine Vegetarierin zu Wort kommen lässt, die angesichts des brutalen Fressens und Gefressenwerdens in der Tierwelt ein artgerechtes, möglichst schmerzloses Schlachten nicht „falsch“ nennen will, sondern als menschenwürdig ansieht.

Foer schleicht sich auch gern zwischen die Fronten, indem er etwa die giftige Frage aufwirft, warum wir keine Hunde essen. Polemisch versucht er, gängige Grenzziehungen aufzumischen, präsentiert ein philippinisches Rezept für geschmorten Hund (wedding style), das, durch die liebevolle Zubereitung, „schmecken sie mit grünem Pfeffer, Lorbeer und Tabasco ab“, beinahe Appetit auf den Leckerbissen macht.

Manchmal fragt man sich, ob dieses Buch überhaupt eine Richtung verfolgt. Aber je weiter Foer voranschreitet, wird man durch Klarheit belohnt. Der bekennende Vegetarier Foer entpuppt sich als einer, der Menschen den Genuss von Fleisch nicht verbieten will. Er streitet nicht einmal ab, dass Fleisch auch ihm Genüsse bereitet habe, die ihm noch keine vegetarische Nahrung bieten konnte. Aber was Fleisch, Eier, Fisch und andere Lebensmittel aus industrieller Produktion angeht, ist er kompromisslos. Sein Plädoyer läuft offen auf ihr Verbot hinaus.

„Wir brauchen die Freiheit, Fleisch aus Massentierhaltung zu kaufen, nicht.“ Hier ist für ihn der Gedanke der Grenze wichtig, den ihm seine Großmutter vermittelt hat. Ein gerade in Amerika, wo weit über 90 Prozent der Nahrungsmittel aus Massentierhaltung kommen, revolutionäres Postulat. In Deutschland ist die Situation unwesentlich besser.

Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Aus dem Amerikanischen von Isabel Bogdan, Ingo Herzke, Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 384 S., 19,95 €.

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