Kultur : Krönung

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KLASSIK

Schon zu DDR-Zeiten stand die Gethsemane-Kirche für Solidarität, und so lässt sich ein geeigneterer Hintergrund für ein Benefiz-Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin zu Gunsten der Hochwassergeschädigten kaum denken. Die sonst stets zu beklagende kirchennotorische Überakustik kam Mendelssohns „Hebriden“-Ouvertüre durchaus zu Gute: Ihre Klänge wurden gleichsam vom schottischen Wind und Meer umspült und evozierten so selbst im engen Gotteshaus das Gefühl von Weite. Obwohl Antonin Dvorák das Cello einst despektierlich als ein „Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt“ bezeichnet hatte, widmete er dem Instrument doch zwei großartige Konzerte. Auf dem Programm stand das bekanntere in h-moll, das der junge Li-Wei Qin in einer geradezu einzigartigen Deutung präsentierte. Schon der wunderbar herbe Strich, mit dem er die „Heimwehmelodie“ im ersten Solothema ausführte, ließ eine bedeutende Interpretation erwarten - und in der Tat: Besser ist dieses Konzert kaum je zu hören. Li-Wei Qin zeigte exemplarisch auf, wie man das Adagio ohne jede „Verschmalzung“ und dennoch mit Hingabe und Emotion musiziert. Das Publikum erlebte eine Sternstunde - und das, obwohl so manches virtuose Filigran von der Akustik geschluckt wurde. Nach der Pause dann Schumanns d-moll-Sinfonie. Marek Janowskis zupackender Dirigierstil gibt der schumannschen Dynamik Raum. Das Scherzo beispielsweise ist temperamentvoller nicht denkbar. Großartig auch die den Eruptionen folgenden Ritardandi: Sie stehen zwar in den Noten, aber die Art, wie Janowski sozusagen aus vollem Lauf auf die Orchesterbremse tritt, ist schon fast zu seinem Markenzeichen geworden. Das RSB verdiente sich mit diesem Abend Bestnoten. Friedemann Kluge

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