Kultur : Kronzeugen

Einstein-Forum Potsdam: Historiker debattieren über Ideologien und Gräuel des 20. Jahrhunderts

Caroline Fetscher

Vergangenheit. Am 14. April 1945 dröhnten Hunderte von Lancaster-Bombern der Royal Air Force über dem Zielgebiet Potsdam. In dieser Nacht ging die preußische Garnisonsstadt in Flammen auf. Ende April nahm die Rote Armee Potsdam ein: Befreiung und Regimewechsel.

Gegenwart. Auf den Tag genau sechzig Jahre nach dem Angriff der Royal Air Force trafen sich Historiker aus Ost und West, um im Potsdamer Einstein-Forum drei Tage lang über „Open Wounds. Reflections on Nazism, Communism and the 20th Century“ zu debattieren. Das Rohmaterial der Historiker ist das Vergangene – was aber, wenn es so gut wie alle Zeitgenossen noch direkt oder indirekt berührt? Wie deuten und bewerten Zeithistoriker die Quellen und Zeugen des 20. Jahrhunderts, seine ideologischen Canyons, seine Generationen übergreifenden Traumata von Armenien über den Stalinismus, den Nazismus bis zu Kambodscha, Ruanda und Bosnien? „Ethnische Säuberung“ und Genozid sind die schweren Hauptbegriffe einer Bilanz des „Zeitalters der Extreme“, wie Eric Hobsbawm das barbarische 20. Jahrhundert nennt. Hobsbawn, 1917 geboren, war der Einzige auf dieser Tagung, der nahezu das ganze 20. Jahrhundert aus eigener Erfahrung kennt. Gerade seine Lektion als Zeitzeuge wie Historiker lautet, entschieden gegen den aktuellen Trend: „Trauen Sie nicht der Erinnerung der Zeitzeugen, sie dekonstruiert und rekonstruiert sich dauernd selbst. Lernen Sie stattdessen kritisch die Quellen lesen.“

Ins Einstein-Forum geladen hatten dessen Direktorin Susan Neiman sowie, im Namen des von ihm geleiteten Remarque-Institutes, der Europa-Forscher Tony Judt von der New York University. Der große, alte Hobsbawm repräsentiert eine letzte Fraktion linker Interpreten, die von der universellen, humanistischen Utopie des Sozialismus zu lassen nicht bereit sind. So dezidiert sprach neben ihm vor allem der Überraschungsgast Markus Wolf, durch die Flucht nach Moskau geretteter Jude, der den Antifaschismus der DDR pries, auch wenn er, wie sein Podiumsgegner Hans Otto Bräutigam, deren Mangel an Demokratie betrauert. Dieser Fraktion erscheint Stalins Terror weniger als inhärentes Merkmal des Systems, denn als Entgleisung oder Verzerrung einer richtigen Idee.

Den meisten anderen war, wie Tony Judt für sich erklärte, zwar generell „unwohl bei diesem Systemvergleich“, doch tendieren sie trotz Restnostalgie zur Ernüchterung gegenüber dem Sozialismus, während sie sorgsam zwischen Kommunismus und Stalinismus differenzieren wollen. Eingesetzt hat ein Paradigmenwechsel bei westlichen Intellektuellen, seit mit dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht nur der Zugang zu neuen Quellen offen ist, sondern auch Ost-Intellektuelle ihre angestaute Bitterkeit gegenüber Westkollegen äußern können. Während der Strom des westlinken Konsens sich nunmehr, wie gelegentlich auch auf dieser Tagung, am gemeinsamen Feind „Bush-Administration“ erwärmt, bleibt ist der Unmut von Ostkollegen spürbar.

Mut erfordert es, im Kreis linker Historiker an die liberalen Intellektuellen des Kalten Krieges zu erinnern, was Malachi HaCohen von der Duke University unternahm. Er vermisse, sagte er, den „Kongress für kulturelle Freiheit“, auf dem Melvin Lasky schon 1950 in Berlin freie Wahlen und Menschenrechte in Osteuropa forderte. Spätestens als 1967 ans Licht kam, dass der Kongress vom CIA Gelder erhalten hatte, waren seine Mitglieder bei „der“ Linken gebrandmarkt. Dabei waren Stimmen aus dem Westen, wie jene von Raymond Aron, „für uns das Einzige, was Trost und Hoffnung bedeutete“, ergänzt der rumänische Historiker Vladimir Tismaneanu den beherzten Vorstoß HaCohens, der sich auch gegen die Ideologeme der 68er-Generation richtete.

Latent zugegen bei der gesamten Tagung schien immer wieder die Kronzeugin des Antitotalitarismus, Hannah Arendt, zu sein. Kaum ein Linker, der sich nicht an seine Skepsis ihr gegenüber erinnerte, und kaum ein Zeithistoriker der Gegenwart, der sich unterdessen nicht mit Arendts Thesen befasst hätte. Der Totalitarismus, so hatte Arendt 1951 geschrieben, suche sich bewusst den „Terror als Stilmittel“ aus, er betreibe „eine Art Bombenexpressionismus“. Dieser Feststellung einer Gemeinsamkeit entkommt der Vergleich bis heute nicht.

Stalinismus oder Hitlerismus, was war destruktiver im suizidalen Jahrhundert der Ideologien? Tatsächlich lässt sich bezweifeln, ob und warum es um ein Aufrechnen der Leichenberge gehen kann, die der Kommunismus im Namen der Gleichheit, das „Dritte Reich“ im Namen der „Rassenreinheit“ aufhäufte. Mehr Ertrag bringt die Frage, ob und wie die klare Intention zum Massenmord einem diktatorischen System von Beginn an eingeschrieben war – was für den Nazismus zweifellos gilt. Sein staatlicher Aufruf zum Genozid konnte das Vertrauen in die gesamte Zivilisation wohl nachhaltiger erschüttern als die Terrorherrschaft Stalins. Dennoch will Norman Naimark von der Stanford University in Stalins paranoiden „Säuberungen“ ebenso den Tatbestand des Genozids erkennen, ein Begriff, den die Vereinten Nationen nur für ethnische und religiös motivierte Massenmorde definieren, ohne ihn auf politisch motivierte Massenmorde auszudehnen.

Der Zeitzeuge, einst „Feind des Historikers“, woran Norbert Frei nicht ohne Ironie erinnerte, wird heute, Hobsbawm zum Trotz, zum geschätzten Protagonisten historischer Narrative, etwa bei Zeithistorikern wie dem engagierten Timothy Snyder, Yale University, der in Polen und der Ukraine nicht nur in Archiven erforschte, wie die Bevölkerung – anders als „im Reich“ – unmittelbar das destruktive Vorgehen des NS-Regimes erfuhr.

Zeithistoriker stoßen aber durchaus auch auf Widerstand, gerade, wo sie die Zeitzeugenschaft der Täter aufdecken. Jan Gross, der in Princeton lehrt, und dessen Studie „Nachbarn“ zum antisemitischen Massaker im polnischen Jedwabne 1941 im Jahr 2000 erschien, berichtete vom Protest der polnischen Zeitgenossen. Bei aller post-ideologischer Anstrengung um Genauigkeit in Terminologie und Diktion wirken die Zeithistoriker angesichts der Gräuel des 20. Jahrhunderts ähnlich überfordert wie wir Laien, wenn es darum geht, das Ausmaß der Unmenschlichkeit und des Grauens psychologisch transparent werden zu lassen.

Karl Schlögel etwa gestand ein, das Wandern über die Friedhöfe der Geschichte mache ihn „depressiv“. Aus dieser Überforderung erklärt sich wohl der befremdliche Umstand, dass eine entpolitisierende und voraufklärerische Kategorie wie „das Böse“ den Diskurs vieler durchzog, scheinbar ebenso anwendbar auf Stalin oder Hitler wie gar auf George W. Bush (Susan Neiman). Auch darum ist der Austausch auf solchen Zusammenkünften kostbar, für die Zeithistoriker selbst wie für uns übrige Zeitgenossen.

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