Kultur : Kuala Lumpur: Die Stadt, die niemals fertig wird

Robert Kaltenbrunner

Unser Verständnis der Großstadt unterliegt einem Wandel wie diese selbst. Viele Beobachter empfinden gerade das unvermittelte Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten, die Widersprüchlichkeit unserer zeitgenössischen Metropolen als faszinierend. Sie wird an jenen neuralgischen Punkten der Stadt erfahrbar, wo sich luxuriöse Bürotürme in den Plastikfolien von Elendshütten spiegeln und wo das Statische dem Dynamischen begegnet.

Wer Kuala Lumpur derart sensibilisiert wahrnimmt, wird an Malaysias boomender Hauptstadt seine Freude haben. So oder so raubt sie dem Besucher schier den Atem. Seit 1988 ist die Stadt förmlich explodiert; private Bautätigkeit verändert sie täglich so dramatisch, dass europäische Städte museal wirken dagegen. KL, wie sie von ihren Bewohnern fast ausnahmlos genannt wird, gibt sich heute als eine brummende, hupende, rauchende, ölverschmierte Maschine. Es stinkt nach Abgasen, geschmolzenem Gummi und heißem Metall. Eine Stadt gibt Vollgas. Und ist dabei weitgehend ohne Vergangenheit. Denn Kuala Lumpur - der Name bedeutet im Malaiischen "schlammige Flussmündung" - wurde erst 1857 gegründet, als ein Trupp chinesischer Kulis mit der Ausbeutung der ersten Zinnmine mitten im Dschungel begann. Unmittelbar hinter der Stelle, wo "Klang" und "Gombak" zusammenfließen und vor 90 Jahren die älteste Moschee der Stadt errichtet wurde, herrscht ein beispielloses Baufieber. Gleich unbändigen Himmelsstürmern erheben sich Appartmenthäuser, Bürotürme und Luxushotels mit hängenden Gärten aus dem Häusermeer der traditionellen Viertel. Alles geschieht gleichzeitig: Wolkenkratzer schießen empor, Magistralen wie die Jalan Ampang werden von zwei auf sechs Spuren verbreitert, ganze Stadtviertel sind einem ungestümen "Upgrading" ausgesetzt.

Spaliere für den Wildwuchs

Die malaysische Hauptstadt ist nicht nach Plan entstanden; sie ist keine mit europäischer Ratio angelegte Stadt wie Paris, London, Berlin oder Wien. Den einzig nennenswerten Versuch, dem Wildwuchs ein Spalier zu liefern, unternahm Frank Swettenham. Der britische Verwalter führte 1871 die berühmten "five-foot-ways" ein, ein Muster aus zusammenhängenden, fünf Fuß breiten Arkadengängen vor allen Geschäftshäusern. So entstand jener Typus, der konstitutiv für die Altstadtbereiche wurde. Mit ihren Shoprhouses bildeten sie seit jeher das Zentrum der städtischen Handelsaktivitäten. Doch weichen sie mehr und mehr großen Einkaufszentren und klimatisierten Shopping-Malls. Der öffentliche Raum ist nurmehr ein vermeintlicher; urbane Atmosphäre mag sich nicht einstellen. Daran hat der Verkehr erheblichen Anteil: Vermutlich ist Kuala Lumpur die einzige Hauptstadt der Welt ohne öffentliche Verkehrsmittel (das fast fertig gestellte Schienennahverkehrssystem ist auf wenige Kurzstrecken beschränkt). Es gibt zwar private Bus- und Minibusunternehmen, sie fahren aber nur wenige attraktive Routen. Der alles beherrschende Privatisierungsgedanke wälzt jede Verantwortung für die Mobilität auf die Bürger ab.

Ein Herz aus Hightech

Derweil wird die Kapitale generalüberholt. Kuala Lumpur erhält ein Herz aus Hightech. Anstelle der alten Pferderennbahn ist unlängst ein spektakulärer Komplex von Büro-, Einkaufs-, Freizeit- und Hotelbauten errichtet worden, der in seiner Megalomanie kaum zu überbieten ist - das Kuala Lumpur City Centre (KLCC). An Superlativen herrscht kein Mangel: Die von dem New Yorker Architekten Cesar Pelli entworfenen "Petronas Twin Towers" - mit 98 Stockwerken und fast einem halben Kilometer Höhe die höchsten Bürotürme der Welt - übertreffen selbst den Sears Tower in Chicago. Das landschaftliche Environment schuf der brasilianische Gartengestalter Roberto Burle Marx. Trotz seiner einschüchternden Dimension stellt das KLCC nur einen Baustein zu einem noch ambitionierteren Gebilde dar: dem "Multimedia Super Corridor". Dieses zukunftsträchtige Areal liegt südwestlich der Hauptstadt im Klang Valley, misst 15 mal 50 Kilometer und soll als hochtechnologische Produktionsstätte einer virtuellen Wunderwelt dem kalifornischen Silicon Valley den Rang ablaufen.

Wann immer sich große Menschenmengen versammeln, findet das auf dem Independence Square statt. An dessen Ostseite wird der Platz vom pittoresken Sultan Abdal Samad Building flankiert, das von 1894 bis 1896 nach Plänen von R. A. J. Bidwell entstand. Was hier im so genannten "Moorish Style" - einer Mischung aus europäischem Funktionalimus und islamischer Formensprache - platziert wurde, wirkte beispielgebend für alle weiteren öffentlichen Bauten. Es ist nicht ohne Ironie, dass in diesem Emblem der britischen Kolonialherrschaft nun die Bundesregierung der Malaysischen Föderation residiert.

Die hügelige Topographie und die tropische Vegetation, die selbst die winzigsten Grünflecken zu blühenden Oasen macht, verhelfen der Stadt zu einem gewissen unübersichtlichen Charme. An ihren Rändern jedoch zeigt sie sich in anderem Licht. Vom Flugzeug aus sieht man die Furchen aus angebautem Beton, die die häufigste Wohnform in Malaysia sind. Angelegt mit der sturen Regelmäßigkeit von Plantagen erstrecken sich Reihenhäuser bis zum Horizont. Reihe auf Reihe die gleichen Einheiten, unterschieden allenfalls durch davorgeklebte Fassaden oder Nuancen des immer pastellfarbenen Fassadenanstrichs. Wenngleich die Moden sich ändern und nun eher die burgartige Großwohnanlage das Bild bestimmt: Bedenkenlos wird hier für eine Nachfrage geklotzt, die nicht zuletzt darauf beruht, dass die Prosperität verheißende Kapitale ländliche Zuwanderer anzieht.

Der Plan, der Zufall, die Spekulanten

So gravierend sich die städtische Textur verändert, so groß ist der Druck auf die Stadtverwaltung: Baugenehmigungen werden großzügig erteilt, wenn das Projekt dem Image zuträglich erscheint. Mit einer verbindlichen Bauleitplanung indes hat sich Kuala Lumpur immer schwer getan. Um Infrastruktur und Bauvorschriften kümmert sich vor allem der 1890 eingerichtete Kuala Lumpur Sanitary Board. Und wenn es denn einen Plan gibt, wird seine Ausführung dem Zufall - und den Spekulanten - überlassen. So nimmt es nicht wunder, wenn es keine planerischen Parameter zu geben scheint, außer einer weitgehend kritiklosen Akzeptanz des Marktes und einer gewissen Rücksicht auf das Klima. Die asiatische Mentalität kennt nicht nur Obrigkeits-, sondern auch Schicksalsglauben. Auch deshalb sind alle Versuche, das Wachstum zu steuern, trotz autoritärer politischer Strukturen gescheitert. Dennoch ist Kuala Lumpur heute einer der wichtigsten Drehpunkte Asiens.

Die Dynamik haben die Bewohner mit den Bauten ihrer Stadt gemein. Kuala Lumpur ist ein steinernes Abenteuer, in dem das Neue das Alte unerbittlich fortspült. Dennoch haben die Proteste gegen zerstörerisches Development zugenommen - manchmal sind sie sogar erfolgreich. Prominentestes Beispiel ist der Central Market: Unterstützt von der wirtschaftlichen Rezession hat die "Save the City"-Bewegung die Hochhauspläne für das Gelände der alten Markthalle in Chinatown platzen lassen. So wurde der Art-Deco-Bau, nachdem die Marktleute bereits in drei neu errichtete Großmärkte an der Peripherie umgesiedelt waren, "sanft" umgebaut - allerdings nach den Interessen der Tourismusbranche.

Alles in allem jedoch ähnelt Kuala Lumpur immer weniger sich selbst. Und wenn doch, dann als bloße touristische Attraktion. Bis zur Ölkrise Anfang der 70er Jahre, von der Malaysia als Exporteur profitierte, hatte sich die Stadt fast ausschließlich im Bestand entwickelt und verändert. Dann aber begann der radikale Umbau; ganze Straßenzüge verschwanden über Nacht, neue Quartiere traten an ihre Stelle. Das Mosaik des vorherigen städtischen Lebens können sie nicht ersetzen. Insofern ist Kuala Lumpur ein typisches Beispiel für die Metropolen der asiatischen "Tigerstaaten", mit einer urbanen Morphologie, deren Architektur von Marktmechanismen bestimmt wird. Die Neubauten von heute sind die Ruinen von morgen. Kuala Lumpur ist eine Stadt moderner Trümmer, ein perfektes Baalbek, an einem Tag erbaut, am anderen schon verfallen, eine Stadt, von der man nie erwartet, dass sie fertig wird.

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