Kultur : Kuba-Dokumentarfilm: Ankunft im Gestern - Uwe Gaulkes "Havanna, mi amor"

Hans-Jörg Rother

Auch Dokumentarfilme können traurige Geschichten erzählen. Von José etwa, einem Spezialisten für russische Fernsehempfänger, für die es in Havanna keine Ersatzteile gibt. Doch José kann sein Bastlerglück nicht freuen, denn nach 14 Jahren Ehe hat ihn seine Frau aus der Wohnung geworfen. Für einen Monatslohn ersteht José eine Telefonkarte, um eine Exfreundin in Kanada anzurufen. Doch die will nichts von ihm wissen.

Silai, die Chefin eines staatlichen Frisiersalons, nimmt sich Josés Kopfhaar und seiner von Kummer ausgedörrten Gesichtshaut an. Als Gegenleistung wird er ihren Fernseher reparieren. Die Friseuse sucht einen Mann, der für mehr als gewisse Stunden taugt, doch José scheint es nicht zu sein. Während sie ihre Sorgen einmal los wird, erfasst die Kamera von Axel Schneppat die öde Straße unter dem Fenster der Wohnung. Kein Schwenk braucht den Verfall zu unterstreichen. José und Silai, zwei Menschen nahe der Fünfzig, leiden unter mehr als dem Fehlen eines Partners. Aber davon zu sprechen hieße für sie, ihren Stolz aufzugeben.

Uli Gaulke, 1968 in Schwerin geboren und seit 1995 Filmstudent in Potsdam, will keine Trübsal aufkommen lassen. Darum hat er in seine dokumentare Erzählung Kontrastfiguren hinein genommen, denen es zumindest nicht am erotischen Glück mangelt: Juana und Felix, die sich vorzugsweise auf ihrer gemeinsamen Liege präsentieren, oder Vilma und Marino, die beide nicht mehr ganz jung sind, aber "es" jeden Tag tun, wie Marino bekennt. Ihnen zuzuhören bereitet Vergnügen, nur dass man ihnen nicht ganz glauben kann. Wer so viel Zuversicht zur Schau stellt, verbirgt etwas.

Der Regisseur hat in Havanna gefunden, was er daheim nicht mehr finden kann: die Spuren einer Gesellschaft, deren Utopien verbraucht sind. Auf Kuba frischt er Erinnerungen an das Ostdeutschland vor der Wende auf und verfremdet sie reizvoll. Die Fahrt in die Karibik wird zu einer Reise in das verlorene Gestern. Die Ersatzteilsorgen, die Jagd nach Devisen, all dies kennt Gaulke, und auch Defa-Dokumentaristen wie Helke Misselwitz und Volker Koepp haben dieses Lebensgefühl festzuhalten versucht.

Wie einst für seine Lehrmeister ging es für ihn in Havanna nicht ohne Kompromisse. Gaulke musste die zwei glücklichen Paare vorschieben, um die Melancholie der Einsamen auszugleichen. Von der beruflichen Situation der Menschen darf kaum die Rede sein, und eine Arbeitslose, die attraktive Gladys, muss vorgeben, mehr unter dem Macho-Gebaren vieler Männer als unter ihrer Ablehnung bei einer Tabakfabrik zu leiden.

Vagen Selbstbeschreibungen begegnet die Kamera mit nüchterner Authentizität. Der Zuschauer sieht, wie grau es in der von Schlagern besungenen Stadt aussieht, wie die Quartiere der "einfachen Leute" beschaffen sind. Allerdings vermeidet Gaulke harte, zwingende Schnitte und versucht, sich auf das Lebensgefühl einzulassen. Doch die Wirklichkeit ist genauer als das Lächeln der Personen, selbst im kubanischen Fernsehen scheint sie durch: In der Episode von der Rückkehr einer nach Spanien emigrierten Tochter, die ihren erst so unerbittlichen Vater zu Tränen rührt, kann man eine Anspielung auf das unversöhnliche Verhältnis Fidel Castros zu seiner in den USA lebenden Tochter erkennen.

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