Kultur : Kubas einziger Spielfilm 1998

Daniela Sannwald

Elpidio liebt seine Mutter und die Wissenschaftlerin Chrissy. Mariana liebt Gott und die Männer. Julia liebt eigentlich niemanden, aber vielleicht doch Dr. Fernando. Drei Bewohner Havannas porträtiert dieser Film, indem er zwischen ihren Biografien hin und her springt. Dabei entwirft der Regisseur en passant ein nicht ganz realistisches Bild vom Alltag in der kubanischen Hauptstadt.

Zum Beispiel entscheiden die wenigen Taxichauffeure eigenmächtig, wohin sie ihre Fahrgäste bringen und werden damit zu Werkzeugen des Schicksals. Ein alternativ eingesetzter Rikschafahrer wiederum weigert sich, überhaupt jemanden zu befördern, wenn er Schnecken sieht. Der Fischer Elpidio verkauft seine Ware nur an Leute, die er mag, und die Altenpflegerin Julia fällt in Tiefschlaf, sobald sie das Wort "Sex" hört. Mariana, die Tänzerin, sieht überall nackte Männer, was wiederum die Choreografin Madame Garcs in Rage bringt: Mariana, ständig abgelenkt durch ihre Affären, darf in einer neuen Inszenierung der "Giselle" die Hauptrolle nur tanzen, wenn sie ab sofort immer pünktlich ist. Da geht Mariana einen Pakt mit dem lieben Gott ein ...

Durch den Film führt die Erzählerin Beb, deren eigenes Leben mit dem der drei Protagonisten verbunden ist. Sie möchte alle Menschen glücklich sehen. Sporadisch selbst im Bild auftauchend, sorgt sie dafür, dass die Wege von Elpidio, Mariana und Julia sich erst nicht und dann doch kreuzen; und sie greift ein, wenn die Figuren zu selbstständig werden. Als eine Art dea ex machina hat sie das letzte Wort. "Das Leben ein Pfeifen" ist eine einzige, manchmal pathetische, manchmal tragische, immer aber auch ironisch gebrochene Liebesgeschichte, ungewöhnlich, weil sie auf sämtliche visuellen Stereotypen verzichtet. So spielt der Film größtenteils an den Originalschauplätzen in Havanna, und wie bei Dokumentaraufnahmen laufen gelegentlich Leute durchs Bild, die erstaunt in die Kamera gucken. So sind die Innenaufnahmen in provisorischen Sets gedreht, die gar nicht den Anschein von Authentizität erwecken sollen.

Vielleicht am überraschendsten ist, dass keiner der Akteure gängigen Schönheitsidealen entspricht. Irritiert starrt man beispielsweise auf den fast kahlen Kopf der Wissenschaftlerin Chrissy, auf Elpidios Speckpolster und auf Julias verhärmtes Gesicht. Und so stellt dieser einzige Spielfilm aus der kubanischen Jahresproduktion 1998 unsere Sehgewohnheiten auf eine harte Probe. Wenn man sich darauf einlassen mag, kann man einen buchstäblich wunderbaren Film sehen - und pfeifend das Kino verlassen.In der Filmbühne am Steinplatz, im fsk und in den Hackeschen Höfen. In der Filmbühne am Steinplatz läuft ab heute zudem "La vida es filmar", ein Dokumentarfilm von Beat Porter. Als klassisches "Making of...", die schlichte Dokumentation der Dreharbeiten, will der Regisseur seine Arbeit nicht verstanden wissen, sondern als "Dokumentation über den kreativen Umgang mit der eigenen Wirklichkeit, über das universelle Thema der Suche nach dem Glück und über Träume, Hoffnungen und Realitäten im heutigen Havanna".

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