Kubiczek-Roman "Die Guten und die Bösen" : Der große Zampano

Von der Tragödie eines sexuell missbrauchten Wellensittichs: André Kubiczeks urkomischer Schundroman „Die Guten und die Bösen“

Marius Meller

André Kubiczek ist ein Schriftsteller, der bei Kritikern, die einen Nerv für seine Literatur haben, Elterninstinkte weckt. Das liegt daran, dass der dominierende Eindruck, der bei der Lektüre seiner Texte entsteht, der Eindruck von Präpotenz ist. Präpotenz ist eine Phase der Adoleszenz, in der sich die besorgten Mütter und Väter besonders gerne einmischen, schon deshalb, weil es die letzte Gelegenheit ist, weil die Felle ihrer Einflussnahme schon geraume Zeit am Davonschwimmen sind. Das ist die Stunde der Poloniusse und der Mütter Courages. Und je länger diese Phase andauert, desto länger sind die Eltern noch Eltern und genießen das im Grunde, trotz ihrer Sorge. So gerieten einige Schlusssätze der Rezensionen zu Kubiczeks letztes Jahr erschienenem Erstling „Junge Talente“ zu Kabinettstückchen des altväterlichen Kritikertons: „Aber vielleicht übt er sich künftig in Beschränkung. In diesem Fall kann er Meister werden.“

Eines ist sicher: Diesen Weg hat Kubiczek mit seinem zweiten Roman „Die Guten und die Bösen“ nicht eingeschlagen. Vielmehr sieht es so aus, als ob der Autor den kritischen Pseudo-Eltern mit seinem Zweitling den gestreckten Mittelfinger entgegenhielte. Die Reaktionen sind absehbar. War das erste Buch in seiner koketten Schelmenperspektive rotzfrech – trotz aller literarischen Elaboriertheit –, so ist das zweite dagegen eine durchkalkulierte Provokation. Aber man könnte eben auch sagen, dass es gerade deshalb ein absolut typisches Zweitbuch ist: „Junge Talente“ war eine Episode aus der Pubertät des Autors, nach allem, was man weiß, wenig verfremdeter biografischer Werkstoff, obwohl es bei Kubiczek durchaus im August auch einmal schneien konnte. Einige Monate einer bohemeorientierten Ost-Jugend in der Hauptstadt der DDR vor dem Mauerfall. Ein Buch respektlos gegenüber Ost und West, gegenüber Welt und Geist, im Grunde aber ein Zuerst-passiert-dies-und-dann-passiert-jenes-Buch, wenn es nicht in einer Sprache geschrieben wäre, die den Leser in ihrem Risikowillen und ihrer literarhistorischen Bewusstheit zugleich erstaunte und amüsierte.

Das zweite will nun alles anders machen, vor allem anders, als die altväterlichen Kritiker rieten. Es ist artistisch, fast gestelzt, nichts weniger als „in Beschränkung geübt“. Es provoziert aber auch durch seine platte Trashiness, die deshalb so schwer genießbar ist, weil sie die Grenzen zwischen der Müllartigkeit des Dargestellten und der Müllartigkeit der Darstellungsweise verfließen lässt, also für diejenigen nur schwer konsumierbar ist, die den Dreck der Welt (mit Recht) am liebsten aus dem Lesesessel goutieren. Auf der anderen Seite lockt es durch sprachliche und reflektive, diesmal eben auch konstruktive Brillanz. Darauf – so spricht es aus jeder Zeile – hat es der Autor also angelegt, und er soll es hören, wenn er unbedingt will: Er ist brillant.

Imposante Verachtung des Lesers

Das Buch „Die Guten und die Bösen“ gehört eindeutig zum Typ brillantes Nichts, und das ist ein hohes Lob, denn es gilt genauso für die frühen, herrlich unausgegorenen Romane Samuel Becketts wie für die bisherigen Texte André Kubiczeks. Denn in dem Buch passiert zwar nervtötend viel, zugleich aber auch nichts, was den Anspruch erhöbe, originell oder nur eine passable Geschichte zu sein. Schauplatz der Handlung ist Berlin um die letzte Jahrtausendwende, einer Handlung, für deren Schöpfer offenbar die Maxime galt: Hauptsache skurril. Jede Plausibilität tunlichst vermeiden. Schon aus der den Roman eröffnenden dramatis-personae-Tafel spricht eine imposante Leserverachtung, denn platter, zotiger könnten seine Charaktere nicht sein, von denen es natürlich viel zu viele gibt, so viele, dass es ein nicht zu überlesender Ehrgeiz des Autors gewesen sein muss zu beweisen, dass er möglichst zahlreichen absurden Figuren eine erzählerische Berechtigung verschaffen kann. Und das ist ihm tatsächlich geglückt, obwohl die Hauptfigur ein gewisser „Raymond Schindler, 30, Frührentner und schwarzarbeitender Privatdetektiv ist“, obwohl einer „Zampano Dunkel“ und ein anderer „Zigmund Fraud“ heißt.

Leserverachtung – das bedeutet, nicht einen öden Nichtangriffspakt mit dem Leser schließen, wie es das Gros der aktuellen Literatur tut. Das wird dann als ein literarisches Sichöffnen, als ein Vertrauensverhältnis zwischen Leser und Autor gelobt, wobei es sich meist doch nur um ein Surrogat der Beziehung zwischen Patient und Therapeut handelt. Nein, Kubiczek begibt sich auf eine – man muss es so nennen – männliche Art auf Augenhöhe des Lesers: Er provoziert ihn, über weite Textpassagen die Nase zu rümpfen, um ihm dann, im Nachhinein, klar zu machen, dass er sich auf dem Holzweg befand und jede neuerliche Geschmacklosigkeit in der Gesamtkomposition gerechtfertigt ist.

Die ersten zwanzig Seiten sind einfach dämlich. Ein Journalist und Freizeitphilosoph „Börries Freiherr von Stammler“, Autor einer Kolumne, die „Soziologie: unterwegs“ heißt und in einer Wochenzeitung erscheint, die „Die Zeitgeist“ heißt (ja, sie heißt wirklich „Die Zeitgeist“), zelebriert seine Schreibblockaden und kommt nie dazu, sein philosophisches Buch mit dem Titel „Das Eigentliche“ auszuführen. Ein gewisser „Dr. Roberto Schwarzhaupt, 36, Assistent am afrikawissenschaftlichen Institut der Humboldt-Universität", stochert in seinen Aufzeichnungen für seine Habilitationsschrift und würde lieber etwas mit seiner Hilfsassistentin Nike Müller, 25, anfangen, begeht im Laufe des Romans dann Selbstmord, unter anderem, weil er seine Frau in einem Swinger-Club beobachtet hat.

Solidarität unter Haustieren

Und auf Seite – sage und schreibe – zweihundertachtundzwanzig erfährt der Leser, was er schon ahnte: dass nämlich, erstens, der Privatdetektiv Raymond während des Buches den Plan entwickelt, ebendieses Buch zu schreiben, und, zweitens, dass dieser fingierte Autor den Plan hat, einen absichtlich abschreckenden Anfang zu verfassen, „einen Abschnitt, der sich über zehn oder besser noch zwanzig Seiten zöge und über dessen Lektüre selbst routinierte Leser von Claude Simon zusammenbrächen“. Am Ende des Buches hat die Hauptfigur, der Detektiv, die Freiheit erlangt, endlich sein Buch zu schreiben, nur dass die ersten Sätze, die er „in seinem Kopf spazieren trug“, natürlich längst nicht das Niveau des Autoren-Autors Kubiczek haben. Und so stellt man erstaunt fest, dass der offensiv nervende Anfang von „Die Guten und die Bösen“ beim zweiten Lesen nur noch eines ist: urkomisch. Vorausgesetzt, der Leser ist bereit, unter seinem Niveau zu lachen.

Zur Handlung ist deshalb nicht viel zu sagen, weil sie nur eine Funktion hat: das Durchgedrehte immer weiter durchzudrehen. Und das sollen die vielen Leser, die diesem seltsamen Buch zu wünschen sind, bitteschön selber genießen. Nur eines: Man erfährt zum Beispiel vom Schicksal eines von einem Bundestagsabgeordneten sexuell missbrauchten Wellensittichs. Jeder wird fragen, wie denn das, schon rein technisch, möglich sei. In „Die Guten und die Bösen“ erfährt man es, und zwar in einer eingeschobenen, bei aller Absurdität anrührenden Episode, die der Wellensittich selbst in Ich-Form erzählt. Sie ist eine Art Abschiedsbrief: Denn der Wellensittich begeht anschließend Selbstmord, um sich und sein ebenfalls sexuell missbrauchtes Mit-Tier, eine Dogge namens „Töle“, zu rächen...

Viel wäre zu sagen zu Kubiczeks Leserverachtung, zu seinen literarischen Vorbildern, zu seiner „männlichen“ Art zu schreiben, die mit der literarischen Androgynität von Autoren wie Rainald Goetz, Thomas Meinecke und Georg Klein zu vergleichen wäre. Und vor allem zu seiner angenehm nihilistischen Art des Moralismus, die man gerne als Zug einer Generation beschreiben würde, wenn nicht André Kubiczek so starrköpfig individualistisch schriebe, als könnten vulgäre Drohgesten ein Subjekt konstituieren. Aber im Grunde empfiehlt es sich für den Kritiker, ganz altväterlich zu schließen: Seit zwei Büchern will uns André Kubiczek beweisen, dass er ein fähiger Schriftsteller ist. Quod erat demonstrandum. Nun soll er endlich einen guten Roman schreiben.

André Kubiczek: Die Guten und die Bösen. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2003. 320 Seiten, 32,10 €.

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