Kultur : Kuckei + Kuckei: Stückwerk - Atelier als Zitatensammlung

Elfi Kreis

Gertrude Stein taten die Maler Leid: Anders als ein Schriftsteller können sie nicht eine Seite vollschreiben, um dann einfach umzublättern. Inmitten ihrer Bilder müssen sie im Atelier immer wieder vor die Leinwand treten, um auf das eine, das einzigartige Werk hinzuarbeiten - ein Ziel, das unerreichbar bleiben muss. Anne Berning hat für sich einen Ausweg aus dem Prozess beständiger Wiederholung gefunden: Sie macht die Kunstgeschichte selbst zum Thema ihrer Bildproduktion. Mitte der neunziger Jahre entstanden überdimensionale, in Öl gemalte Buchrücken von Kunstbänden. Daneben gab es riesige Kunstpostkarten - Bild gewordene Indizien zu den Thesen von Walter Benjamins Standardwerk "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Über die Fragen medialer Vermittlung von Malerei hinaus, lässt Berning in ihrer Rauminstallation bei Kuckei + Kuckei jene Detailüberlegungen und Einzelfragen zur Kunstgeschichte Revue passieren, die sie in den letzten zehn Jahren beschäftigt haben. Es geht ihr dabei um den Vorgang des Findens von Bildern und ihre öffentliche Wahrnehmung. Zum Auftakt beschwört sie mit einem Beuys-Zitat "Das Ende des 20. Jahrhunderts" (7000 Mark). Die Bedrohlichkeit, das Menetekelhafte seiner Mitte der achtziger Jahre getroffenen seinerzeit prophetische Aussage hat sich heute verflüchtigt. Berning greift auf, was ihr ins Auge fällt und führt es der eigenen Wiederaufbereitung zu. Bei "in pieces", der titelgebenden Arbeit zu ihrer Ausstellung (achtzehnteilig, komplett 20 000 Mark) zählt neben monochromen Farbblättern, Landschaftssujekt und Comic auch ein Filmzitat zu ihren Motiven. Die in Malerei in Öl auf Aluminium umgesetzte, blutbefleckte Hemdbrust von John Travolta alias Vincent Vega aus dem Film "Pulp Fiktion" (6300 Mark) ist wie alle Werke auch einzeln verkäuflich.

In Bernings zentralem Arrangement "First Chapter, Last Page" findet sich die erwähnte Textpassage von Gertrude Stein. Einen großen Tisch bedecken zwanzig gemalte wie geschriebene Zitate der Kunstgeschichte (1800 bis 5500 Mark): vom Gesichtsauschnitt Maria Theresias (Velazques) über Details aus "Das türkische Bad" (Ingres) bis zu einem Bildzitat ihres Hamburger Professors Robert Filliou. Anne Berning sichtet das Inventar ihres vor gut einem Jahr von Hamburg nach Berlin-Mitte verlegten Ateliers. Es gibt in dem scheibchen- und häppchenweise kunstvoll aufgetischten Recyclingkreislauf der Kunstgeschichte weder Anfang noch Ende. Im anything goes verweist alles auf alles. Als Malerin, die mit den Mitteln der Malerei über Malerei arbeitet, muss Berning keinen Schlusspunkt fürchten. Der vermeintlich authentische Blick hinter die Kulissen des Ateliers zeigt, dass sich weder hinter der Illusion der Malerei noch dem Entstehungsprozess ein unergründetes Geheimnis verbirgt. Bei Berning liegen alle Bilder wie in einer Bibliothek offen.

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