Kultur : Küchenbilder

KLAUS HAMMER

Wer diesen öffentlichkeitsscheuen Künstler zu einer Ausstellung bewegen will, der muß schon mit Engelszungen reden.Meist hält er seine Arbeiten für unfertig, und so muß man ihm Stück für Stück förmlich aus den Händen ringen.Was der Berliner Harald (neuerdings HOW) Toppel jetzt präsentiert, kleine Zeichen- und große Malstücke der letzten Jahre, nennt er "Küchenbilder".Will er ihnen damit einen gewissen Gebrauchswert zusprechen, seine Kunst aus der guten Stube in die Küche verweisen mit dem Blick "Derrière les jardins", hinten hinaus auf die Gärten?

Aber welch wundersame Welten offenbaren sich hier dem Betrachter, die so gar nichts mit seinen Erfahrungen aus der Grauzone alltäglicher Gewohnheiten zu tun haben.Toppels zarte und phantasievolle Landschaften, Stilleben, Pflanzen-, Blumen- und Tierstücke entstehen aus Stille und Kontemplation.Sie verweisen niemals auf Existierendes, sondern vielmehr auf Zustände des Bewußtseins, die aus Erinnern, Erkennen und Ahnen gespeist werden.

Diese Bilder widersetzen sich schneller Gewöhnung.Jede Verführung zum Effekt, überhaupt jede Illusion und Abbildung sind hier tabu.Die mitunter auftauchenden Gegenstände erscheinen, zu Restformen geronnen, oft so, als hätte der Maler sie nie zuvor gesehen, als hätte er nur eine dunkle Ahnung davon.Deshalb muß er sie neu, als Bildformen entstehen lassen, denn nichts existiert im Bild, das nicht Malerei ist.Überraschende Begegnungen von Tuschflecken, Spritzern, Tupfern, Pinselzügen, Strichen, Linien, Texturen, Kürzeln, Skripturen und der frei schweifende Blick ergeben im ständigen Wechsel das Gesamtbild.

Zudem hat Toppel die Methode des Radierens - das Ritzen, Kratzen, Schaben - in die Maltechnik übertragen.Aller Strenge und Unverrückbarkeit der Bildelemente zum Trotz scheint er sich etwas von der Unbefangenheit der Kinder bewahrt zu haben, deren Kritzel- und Zeichenspuren im Sand und auf Wänden anonyme Druckstöcke bilden.Immer wieder von neuem erregend ist das Spiel zwischen Figur und Grund: Entweder beläßt er das verbleibende Weiß des Papiers, die Gebrauchsspuren des Materials, oder er gibt dem ständigen Schichten und Wiederwegnehmen von Farbmaterie, dem Gewebe von eigentümlich dunkel gebrochenen Farben, eine gewisse Widerständigkeit, Undurchdringlichkeit und Sprödigkeit, eine besondere Form von Materialität, auch eine gewisse Kostbarkeit.Alles wirkt mühelos, und doch weiß man, daß dies der Gipfel eines Berges von Arbeit ist.Wohl jeder dürfte in diesen komplexen Partituren die Spur einer eigenen Melodie finden, so wie es ein Besucher empfand: ein "munter hüpfendes, getupftes Spiccato auf der Geige".

Brecht-Haus Weißensee, Berliner Allee 185, bis 31.Januar; Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr, Faltblatt mit signierter, limitierter Grafik 25 Mark.

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