Kultur : Kühe an die Macht!

Eine französische Dokumentarfilmreihe in Berlin, ausgewählt von den „Cahiers du Cinéma“

Silvia Hallensleben

Kultur ist – leider – noch immer Ländersache, auch innerhalb Europas. Dokumentarfilmer etwa jenseits der eigenen Landesgrenzen kennt der Europäer nur selten. Aus Frankreich hat es nur Nicolas Philibert hierzulande nach „Sein und Haben“ fast zum Star gebracht. Auch Claude Lanzmann oder Chantal Akerman sind zumindest ein Begriff. Doch wer kennt Alain Cavalier, dessen Dokumentarfilme seit 40 Jahren mit Witz und Originalität verblüffen? Morgen eröffnet er in Berlin eine Reihe mit neueren französischen Dokus, die ein Gefühl dafür vermitteln, was uns sonst entgeht.

Der Regisseur, der schon 1961 mit Romy Schneider und Trintignant drehte, ist personifizierte Filmgeschichte. Und auch die mitveranstaltende Pariser Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ kann sich auf eine erlesene Ahnenreihe berufen, die mit Godard, Chabrol, Truffaut und Rivette prominente Namen im Impressum führte, die später selber als Filmemacher die Nouvelle Vague begründeten. Heutiger Chefredakteur des Blattes ist Jean-Michel Frodon, ehedem „Le Monde“-Großkritiker; heute und morgen wird er persönlich in das von ihm gestaltete Programm einführen.

Es ist eine subjektive Auswahl, die weniger bekannte Filme großer Namen mit brillanten Neuentdeckungen verknüpft. Alain Cavaliers „Le filmeur“ etwa, der 2005 in Cannes Premiere hatte, ist ein intimes Videotagebuch, in dem der Tod seiner Eltern und mehrfache krebsbedingte Gesichtsoperationen des Regisseurs ebenso ihren Platz haben wie alltägliche Petitessen – und immer wieder die Vögel, die Ehefrau Francoise mit echten und liebevoll aus Hackfleisch nachgebildeten Würmern füttert. „Le Filmeur“ ist intim, aber zugleich offen und humorvoll – eine schöne Einaldung an den Zuschauer, auch sein eigenes Leben schärfer wahrzunehmen.

Eine sehr eigene Art von Autobiografie betreibt Pierre Creton in „Secteur 545“. Der Regisseur arbeitet selbst in der normannischen Viehmilchwirtschaft, die den Filmstoff hergibt. Eine Doppelexistenz jenseits der Klischees vom bäuerlichen oder intellektuellen Leben, die offensichtlich auch ungewohnte künstlerische Freiheiten ermöglicht: In fast beiläufigen ländlichen Szenen versteckt er einen raffiniert konstruierten Essay über das Zusammenleben von Mensch und Natur. Und manchmal ist es fast, als übernähmen die – übrigens wunderschönen – Kühe gleich selbst das Regiment.

Auch Henri-François Imberts „No pasarán, album souvenir“ ist eine private Spurensuche, die angesichts einiger ererbter, rätselhafter Ansichtspostkarten mit Bildern spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge begann. Langsam fügt sich dem recherchierenden Blick Erkenntnis zu Erkenntnisfetzen, doch die sich entblätternde historische Wahrheit über die französischen Lager an der spanischen Grenze und die Schicksale der Flüchtlinge wirft nur neue, noch dunklere Fragen auf. Schließlich gelangt Imbert nicht nur mit einem „Freiheitsmarsch“ nach Mauthausen, er verknüpft seine Nachforschungen auch mit der Lage asiatischer Flüchtlinge, die derzeit in einem nordfranzösischen Rot-Kreuz-Zentrum ihres Schicksals harren.

Weiter südlich an der Atlantikküste in St. Nazaire wurde vor einigen Jahren das damals weltgrößte Passagierschiff gebaut – der Luxusliner „Queen Mary 2“, unter anderem mit Planetarium und fünf Pools. Während zur Jungfernfahrt im Hafenbecken die Feuerwehrboote Wasserfontänen in die Luft werfen und die Luftwaffe die Trikolore in den Himmel zeichnet, kämpfen auf der Werft die aus ärmeren Weltregionen angeheuerten Arbeiter um ihren Lohn. Der Alstom-Konzern, dem die Werft gehört, hat den größten Teil der Arbeit an scheinunabhängige Subunternehmen ausgelagert. Jetzt sind selbst die schlichtesten arbeitsrechtlichen Ansprüche nur mit langwierigen Prozessen durchzusetzen, und jeder der rumänischen, pakistanischen und griechischen Arbeiter trägt auf dem Helm das Signets eines anderen Chefs. Ein Trost: Immerhin hat sich die französische Gewerkschaft der Sache der Leiharbeiter angenommen.

Arsenal im Filmhaus, Potsdamer Straße, bis 8. Februar. Programmdetails unter: www.fdk-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben