Kultur : Kühle Pracht

Im restaurierten Schloss Köpenick erhält Berlins Kunstgewerbemuseum einen edlen Rahmen

Michael Zajonz

Wer dieser Tage dem MoMA-Trubel der Neuen Nationalgalerie entflieht,die glitschige Steinrampe namens Piazzetta erklimmt und das Kunstgewerbemuseum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz am Kulturforum betritt, der trifft auf verwaltete Leere. Nicht nur,dass sich Besucher und Museumswärter im 1985 eröffneten Kunstbunker, der schon jetzt aussieht, als sei er 100 Jahre alt, ungefähr die Waage halten. In den Abteilungen Renaissance, Barock und Rokoko deuten halb ausgeräumte Vitrinen, verwaiste Stellflächen und veraltete Beschriftungen auf Fehlstellen innerhalb einer Präsentation, die sonst wie seit Jahren eingefroren wirkt. Auf einem Schild heißt es lapidar, der geneigte Besucher möge die entfernten Ausstellungsstücke doch bitte demnächst im neuen Kunstgewerbemuseum im Schloss Köpenick ansehen. Nach zehnjähriger Sanierung ist es endlich soweit: Mit einem Festakt wurde gestern Abend das Köpenicker Barockschloss als zweites Haus des Berliner Kunstgewerbemuseums wiedereröffnet. Entstanden ist ein Hort höfischer und patrizischer Raumkunst zwischen dem frühen 16. und mittleren 18.Jahrhundert, für das ein Teil der Sammlung vom Kulturforum umziehen musste und ein anderer an seinen angestammten Platz zurückkehrte. Denn der von Dahme und Spree umflossene Bau, zwischen 1677 und 1690 für den damaligen Kurprinzen und späteren ersten Preußenkönig Friedrich I. auf älteren Mauern errichtet, wurde ab 1963 als Ost-Berliner Kunstgewerbemuseum genutzt. Davor war es Lehrerseminar, Gefängnis, Armeedepot, Witwensitz. Bei der Wiedervereinigung der Berliner Museen 1991entschied man sich für die Beibehaltung beider Standorte. Denn Köpenick bietet ein Ambiente, das damals zwar verstaubt wirkte, anders als der Gutbrod-Bau am Kulturforum aber die historische Aura eines Hohenzollernschlosses bieten kann.

Der Charme des vom Holländer Rutger van Langervelt entworfenen Haupttraktes, seiner wohlproportionierten Säle und Zimmer, der knarrenden Dielenböden, schweren Stuckdecken, musste vielfach unter Dreckschichten und Pappwänden erst freigelegt werden. Etwa die doppelläufige Fürstentreppe, nun wieder eine Einübung im Schreiten. Oder die von Johann Arnold Nering angefügte Galerie, in der friderizianische KPM-Porzellane paradieren. Für 61 Millionen Euro saniert, bietet Schloss Köpenick eine Kulisse, in der sich die Illusion höfischer Gediegenheit beinahe von selbst einstellen müsste.

Doch das Köpenick der Gegenwart ist kein Schlossmuseum. Keines dieser letztlich nicht rekonstruierbaren, über Jahrhunderte gewachsenen Amalgame aus feuchten Mauern, Möbeln, Patina; aus Gerüchen, Geschichten – inklusive den Gespenstern einstiger Bewohner. Kein einziges der heute in Köpenick ausgestellten Stücke gehört zum historisch hier nachweisbaren Bestand. Wenn man den musealen Inhalt des Schlosses als Ensemble begreift, dann beginnt seine Geschichte erst 1963.

Kunst- und Gewerbemuseen sind eine Erfindung des industriellen 19. Jahrhunderts. Einerseits sollten sie zu Geschmack und Gewerbefleiß heranbilden. Vergleichen statt Genießen. Doch zudem kümmerten sich Institute wie das 1867 gegründete Berliner Institut mit der Brandenburgisch-Preußischen Kunstkammer erstmals um das kunstgewerbliche Erbe der Fürstenhäuser. Zwischen 1921 und 1950 gastierte das Berliner Kunstgewerbemuseum im Stadtschloss. Ähnlich innig verbinden sich höfische Mobilien und Immobilien heute nur noch in den Berliner und Potsdamer Häusern der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Nur: Hier ist es eben erste Pflicht des Historikers, ein möglichst authentisches Gesamtbild der Vergangenheit zu modellieren. Das Kunstgewerbemuseum präsentiert seine gewissermaßen erst posthum zusammengetragenen Schätze lieber unpathetisch distanziert.

Es ist eine museologische Quadratur des Kreises, wenn die neue Präsentation in Köpenick auf das Aroma von Räumen wie dem Wappensaal mit seinen üppigen Hermenpilastern und lachsrosa getünchten Wänden setzt, ohne wirklich eine Geschichte erzählen zu können. Das dort gezeigte Tafelservice aus der KPM ließ Friedrich der Große 1767 für das Breslauer Schloss fertigen. Die Skrupel des Historikers, gleichsam Provinzen und Jahrhundertgrenzen zu überspringen, illustriert unfreiwillig auch die Inszenierung der porzellanenen Pracht. Die Ausstellungsarchitektur von Hans Dieter Schaal sockelt das blau-weiß-bunte Geschirr auf einem grell leuchtenden Glaskasten auf, der eher an einen Operationstisch als an einen Ort sinnlicher Tafelfreuden erinnert.

Auch sonst geht es betont unterkühlt zu. Möbel kommen schon aus Sicherheitsgründen nicht ohne Sockel aus – die hier zwar nur 22 Zentimeter hoch sind, doch weiß lackiert signalisieren: Rühr mich nicht an. Wo immer das Team um Angela Schönberger, die 2001 Barbara Mundt als Direktorin und Bauherrin in Köpenick beerbte, ins Erzählen gerät, geschieht dies preußisch wortkarg. Etwa, wenn kostbare Elfenbein- und Bernsteinobjekte Georg Hinz’ Gemälde eines Kunstkammerschrankes gegenüber stehen. Das ist einleuchtend, aber nicht wirklich originell.

Schloss Köpenick, Schlossinsel,Di bis Fr 10 bis 18 Uhr,Sa und So 11 bis 18 Uhr,heute zur Eröffnung Eintritt frei

DAS BAROCKSCHLOSS

wurde 1677 bis 1690 als Residenz für den

Kurprinzen Friedrich von Brandenburg erbaut

SEIT 1963

beherbergt es die Bestände des Kunstgewerbemuseums, die in Ost-Berlin verblieben

1994 bis 2004

wurde es für 61 Millionen Euro restauriert

IN 21 RÄUMEN

sind Hauptwerke der Sammlung zu sehen,

darunter das „Große

Silberbufett“ aus dem

Berliner Schloss und das Service Friedrichs II.

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