Kultur : Kühler Kopf, heißes Herz

Bernd Eichinger über Kino, Kundry und Bergsteigen – und die „Parsifal“-Premiere an der Staatsoper

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Herr Eichinger, Ihr Vater war ein großer Klassikfan, der sonntags Hauskonzerte auf dem Harmonium gab. Die meisten Kinder finden so etwas schrecklich.

Ich nicht, im Gegenteil: So bekam ich früh einen Begriff von klassischer Musik, den ich dann auch später gepflegt habe. Außer in den Jahren, als ich Gitarrist in einer Rock ’n’ RollBand war.

Sie hatten auch Cello-Unterricht.

Das war ein Wunsch meines Vaters, der selber gerne Cello gespielt hätte. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe das vor allem deshalb gemacht, weil ich so auf der Gitarre besser wurde.

Das Genre Oper spielt in zwei Ihrer Filme eine große Rolle.

Ja, einerseits beim „Mädchen Rosemarie“, wo Verdis „La Traviata“ ein Thema ist, andererseits beim „Großen Bagarozy“, eigentlich ein Film über Maria Callas. Die beiden Projekte waren mir so wichtig, dass ich das Drehbuch geschrieben und selber Regie geführt habe.

Stimmt es, dass Ihnen Doris Dörrie den Floh ins Ohr gesetzt hat, Sie sollten Opern inszenieren?

Mir hat niemand einen Floh ins Ohr gesetzt. Als Doris damals Mozarts „Cosi fan tutte“ an der Staatsoper machte, hat sie den Kontakt zu Peter Mussbach hergestellt. Die Chemie hat gestimmt – und so hat sich das Ganze ergeben.

Als es hieß, Eichinger macht „Parsifal“, hat sich mancher gefragt: Warum sucht der sich keine Oper von Puccini, die schon von der Partitur her filmisch gedacht ist?

Der Gedanke kam mir nie. Die Gespräche mit Intendant Peter Mussbach kreisten sehr früh um Wagner, später ging es um „Parsifal“ 2005 oder „Tristan“ 2006. Ich habe intensiv mit Daniel Barenboim darüber gesprochen, wo ich die Chancen, aber auch die Schwierigkeiten in beiden Fällen sehe. Dass ich ein Problembewusstsein hatte, gefiel ihm offensichtlich. Mit ist ja auch ein Regisseur lieber, der die Knackpunkte erkennt, als einer, der einfach drauflos inszeniert. Na ja, und dann sagte Barenboim: Ich würde gerne „Parsifal“ mit Ihnen machen.

Nun fungiert Mussbach als Ihr Dramaturg. Wie intensiv ist die Zusammenarbeit?

Nachdem ich mich ein Vierteljahr mit Parsifal beschäftigt hatte, kam es zu mehreren konzeptionellen Gesprächen. Danach hat er mich machen lassen. Jetzt in der Endphase sitzt er bei den Proben öfter dabei, macht Vorschläge, wie ich das eine oder andere noch deutlicher herausarbeiten könnte. Das macht er ziemlich gut.

Mussbach tut das, was Sie als Produzent sonst immer mit Ihren Regisseuren machen.

Ja, genau. Ich bin mit meinen Leuten allerdings härter. (lacht)

Sie haben sich sehr gewissenhaft vorbereitet und sowohl live als auch auf DVD angeschaut, was andere Regisseure in jüngster Zeit aus „Parsifal“ gemacht haben.

Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Sich ein paar Produktionen anzusehen, heißt aber nicht, dass ich jetzt den Überblick hätte, wo die Welt der Oper heute steht. Darum muss ich diesen „Parsifal“ ganz aus mir heraus entwickeln. Es geht nicht darum, mich von der Lesart eines anderen abzusetzen.

Wagnerianer sind eine eigene Spezies…

Mein Vater war Wagnerianer. Er hat immer gesagt: Diese Musik ist so großartig, wenn mir eine Inszenierung nicht gefällt, mache ich einfach die Augen zu.

Da gehörte Ihr Vater einer Minderheit an. Die meisten Wagnerianer wissen genau, wie die Stücke auszusehen haben.

Wie vor 100 Jahren kann „Parsifal“ heute nicht mehr aussehen, das leuchtet wohl jedem ein. Wir sind Menschen unserer Zeit und haben andere Gewohnheiten, zu sehen, zu hören, die Dinge aufzunehmen.

Was können Sie von den Gestaltungsmitteln des Films in die völlig andere Welt der Oper mitnehmen?

Das Narrative, das Geschichtenerzählen. „Parsifal“ als große ideologische Gesamtschau der Welt, als sakrale Erlösungsphilosophie – das sagt mir nichts. Mich interessiert vielmehr, welche Biografien in diesem Stück zu finden sind. Da habe ich Kundry, die offensichtlich schon seit 2000 Jahren existiert, da ist Amfortas, der schon mal verführt worden ist und dafür leiden muss. Und selbst der reine Tor Parsifal bringt seine Biografie mit.

Im Kino haben Sie für solche Fälle die Rückblende.

So mache ich das hier nicht. Einfach die Vorgeschichte per Video einspielen – das wäre banal. Ich versuche, die Geschichten dieser Personen zu erzählen, ihre Wünsche und Ängste sichtbar zu machen. Insofern ist es ein Melodram. Ich kann inszenieren, dass Kundry alle handelnden Personen schon kennt, dass sie weiß, dass Parsifal ihr nächstes Opfer sein wird. Wenn die Handlungsstränge miteinander verwoben werden, entsteht Drama.

Ihr Ansatz ist naturalistisch?

Naturalistisch ist vielleicht das falsche Wort. Ich versuche nicht zu interpretieren, sondern die Geschichte der handelnden Personen zu erzählen. Bei mir sind die Blumenmädchen nicht auf Videoschirmen präsent, sondern treten wirklich auf: Allerdings sind das keine gut aufgelegten Damen. Sie repräsentieren eher die dunkle Seite der Erotik. Ich entwickle die Geschichte von innen heraus, anstatt ihr von außen eine Deutung überzustülpen. Modernistische Experimente interessieren mich nicht.

In der Filmwelt sind Sie ja ein Pragmatiker der Emotion …

… und das bleibe ich auch hier: Kühler Kopf und heißes Herz. Mein Ziel ist es, dass sich die Zuschauer mit den Protagonisten identifizieren. Das Tolle an der Bühne ist, dass ich den Personen ein magisches Umfeld geben kann. Das wirkt sich hoffentlich auch auf die Gefühle der Zuschauer im Saal aus.

Der Rhythmus eines Films entsteht zum großen Teil im Schneideraum. Den Rhythmus der Oper hat bereits ein gewisser Richard Wagner festgelegt.

Das empfinde ich nicht so. Sonst wäre es ja auch egal, wer dirigiert. Beim Rhythmus der Musik kann man Akzente setzten, wie auch beim Rhythmus der Szenen. Oft versuchen Opernregisseure, mit blindem Aktionismus gegenzusteuern, wenn die Handlung mal nicht voran geht. Ich versuche, Konzentration herzustellen. Ich weiß aus dem Kino, wie ich das Auge des Zuschauers lenke. Ich merke sofort bei den Proben, wenn mir der Rhythmus einer Szene nicht gelingt und darum die Spannung zerfällt.

Haben Sie die Herausforderung dieses „Parsifal“ schon einmal verflucht?

Auf keinen Fall! Ich bin absolut motiviert. Aber vieles ist für mich neu: Dass die Sänger wochenlang in Privatklamotten zur Probe kommen müssen, dass das Bühnenbild nur angedeutet ist, dass Kostüme spät fertig sind und die Beleuchtung erst kurz vor der Premiere festgelegt werden kann.

Außerdem haben Sie bei den Proben nicht das Orchester, sondern nur einen Pianisten zur Verfügung.

Ich bringe immer eine CD mit, und wenn mir der Klavierklang zu nackt ist, lasse ich mir die Musik einspielen, um mich inspirieren zu lassen.

Man kennt Sie vor allem als Produzent …

… ich habe Regie studiert! Als Produzent bin ich immer auch Autor. Ich kann die finanzielle Seite managen, habe einen Sensus fürs Machbare, das stimmt. Aber dass ich manchmal erfolgreiche Filme mache, liegt an einer kreativen Kapazität.

Sie gelten als Siegertyp.

Ist das so? Ich sehe mich überhaupt nicht als Siegertyp, denn ich habe ständig Selbstzweifel. Aber ich habe ein solides Durchhaltevermögen. Mein Großvater war Bergsteiger. Und es war hart, wenn er mich als Kind auf die Gipfel raufgeschleppt hat. Er hat immer gesagt: Du darfst nicht hochschauen. Setze einen Schritt vor den anderen, und irgendwann bist du oben. Genauso mache ich es.

Und oben genießen Sie die Aussicht?

Nein, dann will ich runter. Das Bewusstsein, es geschafft zu haben, setzt, wenn überhaupt, stets mit Verzögerung ein.

Wenn Wagner noch lebte, würden Sie ihn als Filmmusikkomponisten engagieren?

Aber sofort!

Das Gespräch führten Frederik Hanssen und Jan Schulz-Ojala.

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