Kultur : Kühnes Kleckern

KLASSIK II

Ulrich Amling

Mit Gustav Mahler, dem Gewaltigen, dem Verstörenden, dem Modernen, pflegt die Junge Deutsche Philharmonie ein besonders enges, aufregendes Verhältnis. Die Mitschnitte der Konzerte unter Rudolf Barshai mit fünfter und zehnter Sinfonie haben das exzellente Bundesstudentenorchester bei Mahler-Anhängern in der ganzen Welt berühmt gemacht. Mahler fordert entsetzlich viel, gibt aber auch mit vollen Händen. Er ist spieltechnisch anspruchsvoll und schenkt außergewöhnliche Klangerlebnisse, zeigt sich intellektuell tiefgründig und zugleich von unbändiger musikalischer Gegenwart.

Unter der Leitung von Adam Fischer näherte sich die Junge Deutsche Philharmonie diesmal Mahlers Siebter, der in ihrer fragilen Balance heikelsten Sinfonie des Komponisten. Aus der ganz großen Klangpalette wird kräftig Farbe aufgetragen, nachtblau neben grellgelb, bordeauxrot neben kalkweiß, mit kühnem Strich und zagem Kleckern. Wie soll daraus am Schluss ein triumphales Gemälde entstehen, das mit Nietzsches Zarathustra die Nacht der Romantik überwinden will? Adam Fischer lässt dem Zweifel daran seinen Raum und bewahrt Mahler so vor dem vernichtenden Urteil Thomas Bernhards, der größte Jugendstilkitschkomponist zu sein. In der Philharmonie arbeitet der Dirigent individuelle Klangräume liebevoll heraus, ohne sie gleich emotional zuzurumpeln. Das agile Orchester hat Lust an der Attacke und begeistert mit erstaunlich reifen Solisten, etwa am ersten Horn. Zuvor erklang mit Brett Deans „Carlo“ eine reizvolle Streicherstudie, von der Jungen Philharmonie zart intoniert, die nur einen Nachteil hatte: Das zugespielte Madrigal Gesualdos klang noch viel aufregender.

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