Künstler Carl Andre im Hamburger Bahnhof : Erschütterungen für Fuß und Verstand

Im Quadrat: Der Hamburger Bahnhof würdigt den amerikanischen Minimal-Künstler Carl Andre in der Ausstellung "Skulptur als Ort" mit einer Retrospektive.

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Skulpturen von Carl Andre aus den Jahren 1958 bis 2010 in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs.
Klare Kante. Skulpturen von Carl Andre aus den Jahren 1958 bis 2010 in der großen Halle des Hamburger Bahnhofs.Foto: Thomas Bruns, copyright: Carl Andre/ VG-Bildkunst, Bonn 2016

Manche Installation hat die große Halle des Hamburger Bahnhofs schon gesehen. Immerhin war dies einmal eine Bahnhofshalle, weit entfernt von der klinischen Reinheit und Ruhe, die jetzt im Inneren herrscht. Gerade jetzt: Denn da sind Werke von Carl Andre zu sehen, die diese Ruhe überdeutlich akzentuieren. Metallene Platten liegen auf dem Boden, schon beim Eintreten sind ganz hinten regelmäßige Reihen von Quadern zu sehen. Regelmäßig, das ist ein Hauptwort für Andre, der mit einfachen Materialien arbeitet, Stahl, Kupfer, Beton und vor allem Zedernholz, das er zu mächtigen Kanthölzern sägt. Andre bevorzugt gewöhnliches Material, dessen Qualität darin besteht, dass es Regeln gehorchenden Anordnungen perfekt dient.

Andres Skulpturen sprechen zuallererst den Verstand an, der sie in ihrer Ordnung erfassen soll: ihrem Aufbau nach einfachen Zahlenangaben wie „6 x 6“ oder „36 x 36“, dies die Angabe für die größte Arbeit in der Bahnhofshalle. Darüber hinaus sind sie durchaus sinnlich wahrnehmbar, denn Andres Skulpturen dürfen betreten und berührt werden. Sie erweisen sich dann als gar nicht so starr, wie der erste Eindruck verheißt. Jeder Betrachter mag für sich entscheiden, ob nun das Gefühl von Bedeutung ist, die lose auf die unebenen Böden der Bahnhofshalle oder angrenzenden Rieck-Hallen gelegten Metallplatten wackelten unter dem Gewicht des Besuchers. Andre selbst hat diesen Aspekt stets betont. Wichtiger ist das Begreifen der Regeln in der Anordnung der Objektbestandteile. In dieser Regelhaftigkeit wird das bescheidene Material gewissermaßen veredelt und in seinem So-Sein gewürdigt.

Seine Werke werden als kostbare Museumsobjekte präsentiert

Carl Andre, 1935 im US-Bundesstaat Massachusetts geboren und lange Jahre in Gelegenheitsjobs tätig, etwa als Bremser auf Güterzügen der Eisenbahn, zählt zu den Hauptvertretern der Minimal Art, die sich in den sechziger Jahren in Amerika entwickelte. Der Abstrakte Expressionismus mit seiner gestischen Malerei, der Helden-Künstler wie Pollock oder de Kooning hervorbrachte, war damals allmählich zur Routine erstarrt. Die stillen Arbeiten der Minimalisten oder auch Konzeptkünstler aus beiläufigem Material wirkten als Gegenentwurf.

Interessant ist Carl Andres eigener künstlerischer Weg, der in den Rieck-Hallen zu verfolgen ist. Andre begann mit visueller, „konkreter“ Poesie, mit Gedichten, die in ihrer Darstellung mit der Schreibmaschine zugleich grafische Formen bilden. Seine ganze „Autobiografie“ hat er später aus einzelnen Wörtern, aus Ortsnamen, zusammengesetzt. In der mit rund 300 Arbeiten groß und vielleicht auch zu groß dimensionierten Retrospektive – Andre hat sich 2010 von der Kunstausübung zurückgezogen – sind diese frühen Papiere jetzt in einer Weise präsentiert, die sie zu kostbaren Museumsobjekten machen. Das ist einerseits verständlich und notwendig, nimmt aber andererseits dem schlichten Schreibmaschinenpapier das Beiläufig-Bescheidene, das doch gerade zur Minimal Art gehört.

Das spielerische Moment

Manche Arbeiten spielen mit den Zahlen, lassen die für sich allein schon eindrucksvollen Rotzedernhölzer zu zweit, zu dritt, zu viert und zu fünft zusammenstehen und auf- und absteigende Zahlenreihen bilden („Uncarved Blocks“, 1975). Oder sie formen in der wohl anspruchsvollsten Arbeit, der erwähnten „6-Metal Fugue (for Mendeleev)“ von 1995, das Periodensystem der Elemente mit Platten aus Aluminium, Blei, Eisen, Kupfer, Zink und Zinn nach. Oder sie reihen zehn mal zehn niedrige Betonquader zu einem in jede Richtung gleichförmigen Raster an. In den Rieck-Hallen liegen Ziegelsteine wie achtlos aufgereiht an der Wand und auf dem Boden: Sie formen einen Raum. Andre selbst beschreibt seine Arbeitsweise als „Schnitte in den Raum“. „Skulptur als Ort“ lautet passenderweise der Ausstellungstitel.

Andre hat öfters beim Düsseldorfer Galeristen Konrad Fischer ausgestellt, in dessen Raum nur eine Bodenarbeit passte: präzise auf die Geometrie dieses Raumes ausgerichtet. 1984/85 war er Gast des Berliner Künstlerprogramms des daad. Damals hat er 300 Stahlplatten im Neuköllner Körnerpark ausgelegt, jeweils einen Meter im Quadrat messend und verwirrend regelmäßig-unregelmäßig verteilt, was – von oben in den tiefer gelegenen Park betrachtet – ein schönes Bild ergab, eher Dekor als Skulptur.

Ein solches spielerisches Moment blitzt bei Andre immer wieder auf, etwa wenn er kleine Klötzchen in den Raum wirft. Das Ergebnis gleicht den sorgsam festgelegten Arbeiten insofern, als stets ein Raum geschaffen wird, der sich in der Wahrnehmung des Betrachters entfaltet. Darüber nachzudenken, versetzt den Verstand in etwa jene Erschütterung, welche die Füße beim Begehen der Metallplatten verspüren.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, bis 18.9.; Di–Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr.

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