Künstler-Koch : So bunt kann Mangold sein

Essen für Fortgeschrittene: Bernhard Thomé war Maler, dann Galerist. Jetzt ist er Koch.

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Neun Gänge. Bernhard Thomé trainiert in seiner Küche in der Heidestraße. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Neun Gänge. Bernhard Thomé trainiert in seiner Küche in der Heidestraße. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es ist Nachmittag. Bernhard Thomé steht in seiner Küche und klappt die Kühlhaustür zu. Einige Zutaten für den morgigen Mittagstisch liegen schon in den kalten Regalen. Besonders hat es Thomé ein bunter Mangold angetan, mit Stielen in Weiß, Gelb und Rot. Thomé hat Feierabend, was nicht oft vorkommt um diese Zeit. Manchmal würde er sich gern hinlegen oder einfach in Ruhe eine Ausstellung ansehen. Aber die Küche ruft, 300 bis 400 Stunden im Monat. Nicht wenige Künstler, Architekten und Musiker essen mittlerweile am liebsten bei Thomé.

Bernhard Thomé hat an der Kunstakademie in Karlsruhe beim Informel-Maler Per Kirkeby studiert. 2003 hat er sich mit dem Cateringservice Kunst & Kochen selbstständig gemacht. Er bezeichnet sich als Koch. Und als Künstler. Vermutlich ist er deshalb vor zwei Jahren mit seiner Küche mitten ins Galerienviertel in der Heidestraße gezogen. Wenn dort ein hungriger Maler über den Hof geht und aus den Fenstern duftet es gar zu gut, dann kriegt er schon mal ein Sandwich ab. Obwohl Thomé dort nur kocht, aber nicht verkauft oder gar ein Restaurant führt. „Ich koche gern. Aber ich warte nicht gern auf Gäste“, lacht Thomé. Die Arbeit mit Lebensmitteln ist für ihn eine Frage von Haltung. Und seine Haltung ist nicht nur in Sachen Kochen glasklar. Thomé zögert nie, er mag keine Dogmen, und er gestaltet. Ob das nun Bilder sind, pochierte Eier oder das Leben an sich.

Vor einiger Zeit fand in der Darmstädter Wacker Galerie im Stadtteil Mühltal eine Ausstellung zum Thema Urheberrecht statt. Bernhard Thomé nahm daran teil. Er fuhr mit zwei Kollegen ins Mühltal im Elsass. Sie filmten in der Küche eines Sternerestaurants die Zubereitung eines 9-Gänge-Menüs, und anschließend filmten sie sich selbst beim Verzehr desselben. Am nächsten Tag kochte Thomé in der Galerie in Darmstadt das komplette Menü nach, auf den kleinsten Campingkochern, die er finden konnte, und im Knien. Währenddessen lief das Video aus dem Elsässer Restaurant. Es war eine künstlerisch-kulinarische Reflektion zum Thema Urheberrecht, so ganz nach Thomés Geschmack.

Thomé bezeichnet seine Arbeit als „konzeptuellen Ansatz“. Hier zählt allerdings nicht nur die Idee, wie in der Konzeptkunst, sondern auch das Ergebnis. In Kassel hat Thomé im Rahmen eines Symposiums zum Thema „Ethik und Ästhetik“ ein mehrgängiges Menü zubereitet. Als Vorspeise kreierte er eine Stele aus gelierter Tomatensuppe und goss beim Servieren heiße, klare Tomatensuppe darüber, bis das Ganze zu einer blutig anmutenden Melange zerfloss. Danach servierte er Bondage-Geflügel in schwarzer Tempura ausgebacken, auf WasabiRettich. Wer es wagte, die ästhetisch gefesselten Hühnerbrüste, die wie verkohlt aussahen, in den Mund zu stecken, bekam noch eine Extralektion in Sachen Ästhetik und Genuss. Thomé kocht mittlerweile auf Sterneniveau. Es muss damals schon gut geschmeckt haben.

Zu Studienzeiten malte Bernhard Thomé figurative Gemälde, einige Motive erinnerten an Trachten aus dem Schwarzwald. Die regionalen Heimatmotive kamen einfach aus ihm heraus. „Ich bin kein traditioneller Typ“, sagt er und lacht wieder. Thomé begann sein Kunststudium spät, mit 28 Jahren. Er absolvierte ein Diplom, wurde Meisterschüler. Das Kunststudium finanziert er, indem er in verschiedenen Küchen kochte, in einer Sport- und Kulturgaststätte, in einer Pizzeria und in richtig guten Restaurants. „Was mir besonders gefiel, waren die endlosen Möglichkeiten beim Kochen. Wie in der Malerei, es gibt keine Vorgaben. Man kann immer wieder etwas Neues kreieren.“ Später realisierte er Konzeptkunstaktionen, organisierte Ausstellungen. Bei einer wurde eingebrochen, und Thomé musste für den Schaden aufkommen. Um Geld zu verdienen, gründete er eine Firma.

Mitte der 1990er erzählte ihm ein Freund von einem Fabrikgelände in Berlin, das künstlerisch genutzt werden sollte. Thomé fuhr an die Spree, war auf Anhieb begeistert und mietete eines der frei werdenden Ateliers. Es waren die Anfänge der „Kunstfabrik am Flutgraben“. 1997 zog er selbst in das Atelier. Bei seiner ersten Vereinsversammlung in der Kunstfabrik saß er still hinten in der letzten Reihe. Es sollte über die Vergabe eines Gastateliers entschieden werden. „50 Künstler diskutierten über 300 Mark“, erinnert sich Thomé und schüttelt den Kopf. Für einen Macher wie ihn sind basisdemokratische Entscheidungsprozesse schwer zu ertragen. „Entweder ihr habt das Geld und gebt es aus, oder ihr lasst es“, sagte er schließlich. Von da an war er selbst gefragt. Er baute die Verwaltung des Atelierhauses auf, strukturierte die Gebäude um, baute Heizungen ein und kümmerte sich um die Abrechnung. 1999 gründet Thomé zusammen mit Ute Lindner und Patrick Huber die 2yk-Galerie. Thomé schlägt vor, die Ausstellungen in der Galerie mit Catering zu finanzieren.

Das Essen am Eröffnungsabend war für Thomé eine denkwürdige Erfahrung. Er baute riesige Tische aus Glasbetonsteinen. Die Auflagefläche des Tisches bildeten blaue Plexiglasplatten in unterschiedlichen Schattierungen, von hellblau bis violett. In den Hohlraum legte er einen Schriftzug aus blauen Leuchtstoffröhren. „Luxus“ war da zu lesen. Thomé stand den ganzen Tag in der Küche. Er wollte den Luxus in Form von Speisen direkt auf die Plexiglasplatten bringen. Je mehr abgegessen würde, desto mehr sollte das Licht durchkommen. Am Ende sollte der Raum durch verschiedene Blautöne beleuchtet werden. So das Konzept. Es dauerte nicht besonders lange, bis der Raum in alle möglichen Blautöne getaucht war. Die Kunstgesellschaft stürzte sich auf Kaviar, Krustentiere, Obst, Gemüse, Fleisch und Braten. Nur den freiwilligen Obolus leistete am Ende kaum einer.

Über die Geschichte kann Thomé heute lachen. Er sitzt an einem Tisch draußen vor seiner Küche in der Heidestraße und schmunzelt, wenn er sich erinnert. Über die Gier, die beim Essen entsteht, hat er einiges gelernt, aber auch über die Freude, die ein Essen bringen kann. Momentan kocht er für Kulturveranstaltungen wie den Gasag Kunstpreis, Eröffnungen der Berlinischen Galerie oder der Neuköllner Oper und auf Anfrage von Freunden oder deren Bekannten. Zu Geburtstagen können Kunden bei ihm „kulinarische Porträts“ bestellen, für die er Lebensläufe und Erinnerungen ins Menü einarbeitet.

Es gibt bewusst kaum Außendarstellung. Thomé lebt von Mund-zu-MundPropaganda. Das läuft gut. Ein Mitarbeiter fährt auf den Hof, bringt Reste vom Mittagstisch zurück, den Thomé drei Mal pro Woche anbietet. Er beliefert einen Künstlerstandort im ehemaligen Heeresbekleidungsamt in der Lehrter Straße, wo Künstler wie Karin Sander angesiedelt sind, das Architekturbüro Sauerbruch Hutton oder die Musikfirma Ableton.

Obwohl es an diesem Tag einigermaßen ruhig ist, sitzt Thomé nie ganz still. Er dreht ein Wasserglas zwischen den Fingern, verabschiedet einen Mitarbeiter, schaut aufs iPhone, das permanent summt. „Als Künstler muss man sich rechtfertigen, wenn man aufhört“, sagt er. Vermutlich hat er deshalb die Kunst nie aufgegeben, obwohl ihm das Kochen schon lange wichtiger ist. Demnächst wird eine Kunstpädagogin in seiner Küche eine Ausbildung absolvieren. Auf deren Ideen freut er sich schon sehr. „Ich möchte das künstlerische Element beim Kochen noch viel stärker herausarbeiten“, sagt er. Es geht ihm um eine inhaltliche Auseinandersetzung, mit Situationen, mit Gästen, mit Themen. Sein Ziel sind kunstinteressierte Esser, für die Geld keine Rolle spielt. Bisher läuft es bei Thomé nicht anders als bei den meisten Künstlern. Das Material wird bezahlt, die Ideen gibt’s oft aus Leidenschaft dazu.

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