Kultur : Künstler, Macht und Erbe

Erfurter Stasi-Gefängnis wird Gedenkstätte

Hannelore Offner

Die Weite des Erfurter Domplatzes verengt sich schnell, wenn der Besucher in die Nebenstraße hinter dem Landgericht einbiegt. Dort befand sich eine Haftanstalt mit dem Untersuchungsgefängnis des früheren Staatssicherheitsdienstes der DDR. Das Gebäude, im 19. Jahrhundert aus dem Gedanken der preußischen Gefängnisreform erbaut, wurde im Realsozialismus zu einem Ort des Schreckens. Zwischen 1952 und 1989 waren hier um die 5000 Menschen inhaftiert. Diesen Sommer ist es erstmals möglich, den oberen Zellentrakt im Rahmen der Ausstellung „Einschluss“ zu besichtigen. Der Künstler Manfred May hat sie initiiert, um gemeinsam mit der Gesellschaft für Zeitgeschichte und der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen eine Gedenkstätte zu befördern.

Im Gegensatz zum Strafvollzug bedeutete Untersuchungshaft in der DDR eine besondere Form von Isolierung. Jeglicher Kontakt nach draußen war verboten. Mit endlosen nächtlichen Verhören, Drohungen, Schlaf- und Essensentzug, mitunter sogar Dunkelhaft und Fesselung, sollten die Gefangenen zermürbt werden, bis die Geständnisse für ein Strafverfahren reichten. Es waren die Methoden, die an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm als „operative Psychologie“ gelehrt wurden. So haben die politischen Häftlinge in besonderer Schärfe gespürt, was der totale Machtanspruch der SED für den Einzelnen bedeutete. Die Wissenschaft hat bisher an die 250000 politische DDR-Gefangene gezählt.

Nun liegen neue Konzepte zur Nutzung des bisher versperrten Geländes vor, die eine Gedenkstätte als Ort der politischen Bildung mit einschließen. Abgesehen vom Speziallager Buchenwald, das die Verfolgung durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD zwischen 1945 und 1950 dokumentiert, fehlt es dem Land Thüringen bislang an Gedenkstätten zur SED-Diktatur.

Auch im Umgang mit dem SED-Erbe zeigt sich, wie die Erinnerung an die Vergangenheit mit Verdrängungsmechanismen gekoppelt ist. Erste Pläne zum Abriss des Gebäudekomplexes durch das Erfurter Bauamt waren inzwischen bekannt geworden. Der historische Ort sollte einem Parkplatz weichen.

Nun machen sechs Künstler aus Ost- und Westeuropa in eindringlicher Weise auf die jüngste Vergangenheit aufmerksam. Im Bezug auf vermauerte Fenster oder schalldichte Isolierzellen wird in ihren Installationen das Geschehene erfahrbar. Besonders eindringlich: Gabriele Stötzer, selbst für ein halbes Jahr dort eingeschlossen, zeigt in einem Video von 1991 eine Performance in ihrer früheren Zelle. Hildigund Neubert, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, kann beim Bemühen um die Erhaltung des Gebäudes einen ersten Erfolg vermelden. Der Komplex wurde in das Verzeichnis der Thüringer Denkmale aufgenommen – immerhin.

Erfurt, Bechtheimer Str. (Zugang Domplatz), bis 15. September, täglich 14-20 Uhr.

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