Kultur : Künstler-Projekt: Helden der Arbeit

Michaela Nolte

Schon Karl Valentin wusste: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit". Doch die Vorstellung vom Künstler als personifizierter Müßiggang hat sich bis heute hartnäckig bewahrt. Dabei macht nicht allein die Kunst viel Arbeit: 95 Prozent der freischaffenden Künstler gehen einem zusätzlichen Broterwerb nach. Im Deutschen Kulturrat und in Kunstkreisen wurde jüngst der Ruf nach einer staatlichen Reglementierung der Künstlerschwemme laut - ein Numerus clausus und die zahlenmäßige Halbierung öffentlicher Akademien sollen das Problem der "Hungerleider und Bilderberge" lösen.

Wer dem Betrieb Kunstmarkt nicht gewachsen ist, dem empfiehlt Karlheinz Schmid, Chefredakteur der "Kunstzeitung", die "Gemeinschaft der Volkshochschulen" als kreatives Ventil. Was Schmids Polemik vermissen lässt, sind inhaltliche Reformansätze sowie der Blick auf das gesellschaftliche Potential zeitgenössischer Kunstformen. Dem populistischen Rückwärtsgang zu einem Kunst-Darwinismus halten nicht nur Künstler fruchtbare Koinzidenzen von Kunst und Leben entgegen. Auch Wissenschaftler, StartUp-Manager, Wirtschaftsmagnaten und Politiker diskutieren und praktizieren die Relevanz künstlerischer Lebensführung für eine moderne Dienstleistungsgesellschaft. Der Nürnberger Soziologe Thomas Röbke publizierte im vergangenen Jahr eine umfassende Analyse zu "Kunst und Arbeit" (Klartext Verlag, Essen; 29,80 Mark). Die Studie zeichnet in erfreulich anschaulicher Weise Zusammenhänge zwischen realkünstlerischer Praxis und strukturellen Veränderungen der Gesellschaft auf. Röbke legt anhand von vierzig Künstler-Porträts und beispielhaften Projekten die Chancen einer grundlegenden und zukunftsweisenden Umbewertung der Arbeit dar, ohne die Widrigkeiten einer permanenten Selbstausbeutung zu nivellieren. Denn das "Spitzweg-Syndrom" des armen, aber autonomen Künstlers im einsamen Atelier gehört einer romantisch-bürgerlichen Vergangenheit an. Der heutige Künstler ist Ideen-Pool, Produzent, Marketingchef und PR-Agent in einer Person. Mit all diesen Eigenschaften verkörpert er den Prototyp des sogenannten Selbstunternehmers, der im Zuge digitaler Umwälzungen und einer zukünftigen "Tätigkeitsgesellschaft" den Erwerbsarbeiter ablösen wird.

Ein Künstler-Projekt, das im Sinne eines gesellschaftlichen Strukturwandels den erweiterten Kunstbegriff mit einem erweiterten Arbeitsbegriff untersucht, ist zur Zeit in der Galerie Olaf Stüber zu sehen. "Arbeitsgeist" ist ein ebenso intelligentes wie humorvolles "work in progress", das Schnittstellen von Kunst, Arbeit und Freizeit erforscht, kommuniziert und Begrifflichkeiten neu bewertet. Der Hammer als Relikt der Industriegesellschaft und kämpferisches Symbol wird zum fröhlich zwinkernden Signet und zum spielerischen Perpetuum mobile der Freizeitgesellschaft. Wer in der Ausstellung ins Schwitzen kommen will, kann auf den Heimtrainer von Mark Jackson steigen und im Angesicht einer "Gesetzestafel", die Bibelzitate zur Arbeit versammelt, die Pulsfrequenz steigen lassen.

Thorsten Haake-Brandt nimmt den Arbeitsbegriff wörtlich und führt ihn in kuriosen Aktionen ad absurdum. Ein Foto zeigt den Hamburger Künstler beim "Auf Sporttaschen kauen. Im Tagesschnitt acht Stunden, eigentlich fünf Tage die Woche und ab und zu einen sechsten oder siebten Tag, um die Stundenzahl zu erreichen." Den Fetischismus einer evangelischen Arbeitsethik konterkarieren die comicartigen Tafeln von Henrik Schrat, der das Projekt vor knapp zwei Jahren mit der Dresdner "Reinigungsgesellschaft" initiierte. Martin Luthers Diktum "Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen" flankiert Schrat mit einem verdutzten Vogel-Strauß. Auf einem weiteren Paneel zitiert ein Hammer schwingender Marsyas den Sozialphilosophen André Gorz: "Mangel an Arbeit ist Wohlstand an Zeit."

In einem losen Netzwerk präsentiert "Arbeitsgeist" wechselnde Künstler in Arbeitsämtern und ähnlich kunstfernen Orten, die das eigentliche Forschungszentrum bilden. Wenn es passt, findet sich zwischen Künstler-Prints von Dellbrügge/de Moll, Olav Westphalen oder Ross Sinclair auch schon mal ein Aquarell aus einem Arbeitslosen-Malkreis. Denn angesiedelt "Zwischen dem Recht auf Arbeit und der göttlichen Faulheit" sollen "Perspektiven des arbeitsorientierten Denkens" entwickelt werden. Die traditionellen Kunst-Institutionen bieten hierzu einen Anschauungs- und Konferenzrahmen, in dem interdisziplinäre Ansätze für ein Umdenken erörtert werden. So diskutierte im Rahmen der Ausstellung ein illustres Publikum über "Künstler: Kulturarbeiter oder Gegenmodell zur Arbeitsgesellschaft?" Ralph de Molls Frage, ob künstlerische Tugenden für die Wirtschaft wirklich wünschenswert seien oder pure Koketterie, musste Ralf Welt, PR-Direktor von Procter & Gamble, zunächst zurückstellen. Klaus Siebenhaar, Professor für Kulturmanagement an der Hans-Eisler-Musikhochschule und Agent provocateur des Abends, brachte es auf die illusionslose Formel: Jeder Künstler wird in der Verwertungsmaschinerie von Wirtschaft und Medien zum freiwilligen Dekorateur.

Doch die Künstler proklamierten ihre Autonomie auch innerhalb solcher Verwertungsprozesse; schließlich ist Auftragskunst keine Erfindung der New Economy. "Arbeitsgeist" bietet in diesem Kontext einen erneuerten Autonomieansatz, der den Werk- und Autorenbegriff zugunsten einer Kommunikationsplattform in den Hintergrund stellt. Konzepten jenseits des marktstrategischen Kalküls will Olaf Stüber in seinen neuen Galerieräumen ein Forum bieten. Nach acht Jahren Artconsulting wollte er Kunst nicht mehr nur als "hochwertige Dekoration" verhandeln. Die ehemaligen Kunden reagieren auf das Experiment zurückhaltend. Doch Stüber setzt auf eine Kunst-Vermittlung, die nicht nur als kommerzielle Schnittstelle zwischen Künstler und Kunden fungiert, sondern darüber hinaus inhaltliche Korrelationen schafft und die Vielfalt des zeitgenössischen Kunstspektrums widerspiegelt.

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