Kultur : Künstlerhaus Bethanien: Neue Musik: John Cage

Carsten Niemann

Auf der Suche nach den Tönen für "Atlas Eclipticalis" griff John Cage nach den Sternen: Er legte transparentes Notenpapier über eine Sternkarte und hieß die Himmelskörper Noten sein. 1964, als die New Yorker Philharmoniker das Werk aufführten, sahen viele Musiker in der Sternenpartitur lediglich einen großen Bären - und zwar einen, den ihnen der Komponist aufgebunden habe. Sie sabotierten die Aufführungen. Nicht so das Berliner Publikum, das sich am späten Sonnabend im Foyer des Künstlerhauses Bethanien eine Kammermusikfassung des Stücks für drei Saxophone und Live-Elektronik folgsam anhörte - sogar die kreuz und quer im Raum verteilten Stühle wurden artig aufgestellt. Ulrich Krieger, Tobias Rüger und Reimar Volker liessen die vielen kurzen Töne wie Sternschnuppen blitzschnell verglühen und die längeren elegant schwellend wie stolze Kometenschweife vorüberziehen. Mitunter schien es fast, als sei die eine oder andere mikrotonale Härte dem Schönklang geopfert worden. Volker Straebel, der die Live-Elektronik bediente, kam seltener zum Zuge - die zahlreichen Pausen in Cages Zufallsarrangement wollten es so. Dafür durfte die Sinfonie der Großstadt durch das geöffnete Portal ins Foyer dringen: Wagengerumpel , ferne Rufe spielender Kinder, sogar die Fetzen eines feucht-fröhlichen "Marmor, Stein und Eisen bricht". All das nicht gerade das "transzendentale Schwingen der Natur", von dem die Veranstalter wohl mit Hinblick auf den urspünglichen Aufführungsort im Mendelssohn-Bartholdy-Park gesprochen hatten. "Hier sind wir," schienen jedoch die entspannten Mienen der Zuhörer mit John Cage zu sprechen, als das kurzweilige Dämmerstündchen zu Ende ging: "Lasst uns Ja sagen zu unserem gemeinsamen Dasein im Chaos."

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