Kultur : Künstlerhaus Bethanien: Streichung der Regieseminare

Rüdiger Schaper

Das Künstlerhaus Bethanien in Berlin will seine renommierten "Internationalen Regieseminare für Film und Theater" auflösen. Ihrer Leiterin Ewa Strozczynska-Wille wurde zum Ende dieses Jahres überraschend gekündigt. Die Regieseminare wurden Anfang der achtziger Jahre ins Leben gerufen und entwickelten sich schnell zu einem bedeutenden, in Deutschland einzigartigen Ort des Erfahrungsaustauschs und Studiums. Die Liste der prominenten Dozenten reicht von Patrice Chéreau und Ariane Mnouchkine über Heiner Müller und Robert Wilson zu Andrzej Wajda, Krzysztof Kieslowski, Anatolij Wassiljew und Andrej Tarkowski - ein Who is Who der europäischen Theater- und Filmkunst. Die als professionelle Fortbildungsseminare konzipierten Programme in den Bereichen Regie, Schauspielführung und Dramaturgie lenkten schon früh den Blick nach Osteuropa und übten starken Einfluss auf die mittlere Generation heutiger Filmemacher, Theaterregisseure und auch Kritiker aus.

Die für 2002 geplante Dokumentarfilmwerkstatt muss nun voraussichtlich abgesagt werden, sollte die Berliner Kulturverwaltung nicht eingreifen. Christoph Tannert, Geschäftsführer des Künstlerhauses Bethanien, macht für den überraschenden Schritt "betriebsbedingte Gründe" geltend. Damit wäre ein Präzendenzfall geschaffen - die erste betriebsbedingte Kündigung in einer Berliner Kulturinstitution. Die Personalmittel von rund 110 000 Mark sollen jedoch nicht eingespart, sondern dem Bereich Bildende Kunst in Bethanien zugeschlagen werden. Damit gingen auch die Mittel für das Regieseminar-Programm verloren, die hauptsächlich von Sponsoren und aus Drittmitteln bestritten werden. Bethanien schneidet seine Theatertradition ab, die so alt ist wie das Künstlerhaus selbst - ein gutes Vierteljahrhundert.

Filmregisseur Andres Veiel, der zuletzt mit der RAF-Dokumentation "Blackbox BRD" Aufsehen erregte, ist einer von vielen "Bethanien-Schülern". Zu der drohenden Schließung der Seminare erklärte er: "Sie haben etwas provoziert, was auf den klassischen Filmhochschulen eher selten geworden ist - das Abarbeiten an einem Meister, das Verfolgen und Begleiten der eigenen Arbeiten über Jahre hinweg. Die Lehrjahre am Künstlerhaus Bethanien waren ein seltener Glücksall eines persönlichen Labors und einer Begegnung zwischen Ost und West über den Tag hinaus."

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