Kultur : Künstlerhof Buch: Teltower Rübchen

Gyde Cold

Hinter dem Tor herrscht Stille. Der große Innenplatz des Künstlerhofs Buch ist mit Kopfsteinpflaster bedeckt, dazwischen wächst Grün. An allen Seiten stehen mächtige Scheunen und Betriebshäuser. Ein junger Baum markiert die Mitte des Platzes. Neben ihm erstreckt sich eine zwei Meter breite grüne Bahn über den ganzen Platz. Kunst, kein künstliches Gras. Ein Feld von Markierungen aus 15 000 pastellgrünen Plastikstäben steckt im Boden. Ivan Kafka hatte diese Arbeit schon einmal 1981 in seiner Heimatstadt Prag mit weißen Stäben realisiert und den Streifen "Abgrenzung" genannt. Heute ist die Installation für ihn "Dasselbe in Grün". Die Auflösung des Ostblocks und die neuen politischen Verhältnisse haben an der sozialen Situation der Menschen nicht viel verändert. Kafkas explizit politische Arbeit gehört zu einer ganzen Reihe künstlerischer Beiträge, die zurzeit in Buch zu entdecken sind.

Zwei Wochen lang arbeiteten hier 26 Gäste auf Einladung des Deutschen Künstlerbundes, um die historischen, geographischen oder persönlichen Bedingungen "Am Ort" - so der Ausstellungstitel - in künstlerische Positionen umzusetzen. Nach Symposien 1998 in Düsseldorf und 1999 in Weimar bemüht sich der Künstlerbund erstmals mit einem Workshop und anschließender Ausstellung um zeitgemäße Ausrichtung.

Die meisten Künstler folgten dem derzeitigen Trend: Über die Hälfte fertigten Installationen an. Im Innenhof erbaute Jean-Pierre Uhlen ein rotes Holzgerüst ähnlich einem architektonischen Fachwerk. Die Proportionen entsprechen den Metallgefachen, die die Fassade des Berliner Palastes der Republik tragen. Uhlen beschäftigt sich seit fünf Jahren mit dem DDR-Herzensstück, über dessen Existenz seit der Wende diskutiert wird. Durch Dekonstruktion und auf Balken geschriebene Zitate, etwa von Corneille ("Je größer das Objekt und das Ereignis, um so größer muss der Abstand sein"), kommentiert Uhlen städtebauliche Politik.

Einen von ihrer Biografie und dem Aufenthaltsort ausgehenden Ansatz verfolgt Judith Samen. Sie macht Selbstporträts, in denen sie einerseits Porträtposen des Mittelalters und der Renaissance zitiert, andererseits aber Besonderheiten der Region zum Gegenstand der Reflexion erhebt - Runkelrüben, die andernorts nicht mehr zu kaufen sind, oder Teltower Rübchen und eine buntgemusterte Decke aus DDR-Zeiten.

Der Besucher muss das Gelände erkunden, um alle Werke zu finden. Dem Arbeitsprozess aller Workshop-Teilnehmer hat Julia Neuenhausen ein Denkmal gesetzt. In dem großen Gartengelände des Künstlerhofes legte sie für jeden eine Miniatur-Baustelle an, gesichert mit Holzpfosten und Sicherheitsband. Nach Ausstellungsende wird sie die kleinen Baugruben wieder schließen und Blumenzwiebeln eingraben, so dass im kommenden Frühjahr 26 Beete erblühen.

Aber auch die klassischen Gattungen der Malerei und Grafik sind vertreten, allerdings in Grenzüberschreitung zur Installation. Ellen Hyllemose spielt mit der Dreidimensionalität von Malerei. Einfache Sperrholzplatten hat sie geweißt, ihren Rand mit Stücken bunter Tapebänder beklebt und sie im 45 Grad-Winkel von der Wand abstehend gehängt. Peter Pommerer fotografierte auf dem Hof Graffitis, denen er seine gezeichneten Kommentare zur Seite hängte.

Das Ehepaar Monica und Bernard Hubot experimentiert mit einfachen Materialien und erzielt große Effekte. Gipsabdrücke von rundgeschliffenen Feldsteinen werden zum Druckwerkzeug. Auf dem schwarz eingefärbten Druckstock saugt der Gips die Farbe weg und lässt weiße Abdrücke frei, die Zeit und Bewegung dokumentieren und einer asiatischen Ästhetik nahe kommen.

Bei Herbert Egl ist die Malerei um einen prozessualen Charakter erweitert. Er spielt mit den hydrostatischen Kräften von Acryllack. In trockenem Zustand ist dieser durchsichtig, in dem feuchten Kellergewölbe aber, in dem die kleinen Bilder hängen, wird er mit der Zeit weiß. Dann kaschiert der Lack die verschiedenen Zeichnungen und Einarbeitungen auf den mehrfach beschichteten Leinwänden. Dem Künstlerbund ist mit diesem Querschnitt künstlerischer Beiträge ein Sprung nach vorne und zugleich der Nachweis gelungen, wie viel der selektiv wirksame Kunstmarkt am Rande stehen lässt.

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