Kultur : "Künstlerische Strategien des Fake": Das Prinzip Fälschung

Katrin Wittneven

Warum fotografierte Sherrie Levine in den achtziger Jahren Werke von Walker Evans ab und stellte diese als eigene Arbeiten aus? Warum arrangiert Loise Lawler die Bilder anderer Künstler in Ausstellungen? Und warum erfindet Res Ingold eine Fluggesellschaft, mit der er seither unter dem Label Ingold Airlines eher Ausstellungen als Flüge realisiert? Der Kunsthistoriker Stefan Römer geht in seiner zur Veröffentlichung überarbeiteten Dissertation diesen Fragen nach und findet Antworten im Paradigmenwechsel der Kunst in den sechziger und siebziger Jahren. Im Zuge der Dominanz von Bildern vor allem durch amerikanische Massenmedien und einer Kritik an der "Ideologie des Originals" suchten Künstler wie Richard Prince oder Elaine Sturtevant im Gleichklang mit der theoretischen Entwicklung nach subversiven Techniken für ihre Arbeit: Aneignung als Gegenmodell zur visuellen Überfrachtung. Die Kopie wurde parallel zur Enthierarchisierung des Ausstellungsraums ein Aspekt von "kunst-, medien, institutions- und erkenntniskritischen Praktiken konzeptueller Kunst".

So ist Stefan Römers Analyse weit mehr als die Untersuchung eines Randbereiches der zeitgenössischen Kunstproduktion. Wie im Vorbeigehen streift er die Theorien von Benjamin, Adorno, Baudrillard oder Foucault und vermittelt dem Leser so einen Einstieg in die Gedankenwelt der Kunst in den achtziger und neunziger Jahren, in der Begriffe wie Authentizität, Selbstreferenz oder Originalität zentral sind. Coffeetable-Qualitäten mit bunten Bildern und seichter Unterhaltung bietet das Buch allerdings nicht. Römer fordert seine Leser vielmehr mit einem außerordentlich umfangreichen Apparat an Fußnoten sowie einem Literatur- und Filmverzeichnis zum Weiterlesen und -schauen durchaus heraus.

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