Kultur : Künstlers Erwachen

Nicola Kuhn

Während draußen vor der Galerietür Berlin den Sommer übt mit Schwüle und Gewittern, findet drinnen der Frühling statt. Die Erklärung ist einfach, denn "Vor" lautet der Ausstellungstitel. "Vor was?", möchte man fragen. Doch "Vor" ist einfach nur das isländische Wort für Frühling.

Tatsächlich kommen die neuesten Bilder Bernd Koberlings frühlingshaft leicht daher, wenn auch von einem Format, das jegliche Verspieltheit wieder Lügen straft: Das größte der insgesamt zehn in der Galerie Ascan Krone gezeigten Werke misst 230 mal 450 Zentimeter (zwischen 12 000 und 68 000 Euro). Auf ihnen entfaltet sich ein freies Zueinander der Farben und Formen, das eigentlich nur poetisch zu nennen ist.

Koberling, der Expressive und Schwere - auf einmal poetisch? Das macht staunen. Doch dieser Wandel deutete sich lange schon an. Die Entwicklung von den erdigen Farben, den kompakten Formen zu zarten Gebilden, die an Blütendolden erinnern, an flockige Gräser, dürfte ihn selbst am wenigsten überrascht haben. Wer wollte, konnte sie schon Ende der neunziger Jahren erkennen, in seinen bei Fahnemann und Springer ausgestellten Aquarellen. Mit seiner vor zwei Jahren für das Kasino des Berliner Justizministeriums geschaffenen Auftragsarbeit aber entwickelte er erst die Technik für das große Format, die sowohl die Transparenz des Aquarells wahrt als auch der malerischen Geste Raum verschafft.

Den Grund dieser Gemälde bilden am Boden liegende Aluminiumplatten, die der Künstler in einem ersten Arbeitsschritt mit einer speziellen Kreideschicht versieht. Sie sind der eierschalenfarbene Plafond, auf dem sich Koberlings Gebilde entfalten. Ihre zerfließende Zartheit gewinnen sie durch extrem stark verdünnte Acrylfarbe, die der Maler mit verschieden breiten Pinseln aufträgt und zwischendurch immer wieder versiegelt. Nicht von ungefähr erinnert diese Technik ans Blumenpressverfahren. Koberling hat aus der Natur einen Schatz gewonnen, der sich sogleich wieder zu verflüchtigen droht.

Woher aber gewinnt ein Großstadtmaler solche Motive? Berlins berühmte Brachen geben sie kaum noch her; seit dem Mauerfall gedeiht dort statt Holunder eher die Spezies Hochhaus. Der Ausstellungstitel "Vor" verrät die Quelle der Inspiration. Aus Island stammen solche fantasievollen Gewächse; dort hat sich der Künstler mit Pinsel und Papier mitten ins Grün gestellt und Labkraut, Silberwurz oder Gemeinen Wundklee gemalt. Die in den hinteren Räumen der Galerie gezeigten Aquarelle zeigen noch deutlicher den Ursprung der großen Gemälde, die Blumenmotive.

"Lodmundarfjoerdur" überschrieb Koberling diese Serie Blumenbilder bei ihrer ersten Präsentation, so benannt nach dem Fjord, an den es ihn und seine Familie jeden Sommer seit vielen Jahren zieht. Berlin und Island bilden die beiden Pole in Koberlings Leben: In der Stadt, wo er 1938 geboren wurde und seit 1988 an der Universität der Künste lehrt, atmet er aus; auf der Insel im Nordmeer, die er 1977 durch Dieter Roth kennen lernte, atmet er ein. Das Reykjavik Art Museum widmete ihm deshalb Anfang des Jahres eine große Ausstellung, die zuvor in der Kunsthalle Malmö Station machte und ab Mitte August im Saarland Museum in Saarbrücken zu sehen sein wird.

Hier wird die Entwicklung eines Malers deutlich, der mit einer knallroten Angeljacke auszog - so sein frühestes Selbstporträt von 1963, das ihn auf einem 155 Zentimeter breiten Gemälde stolz einen fast ebenso großen Fisch haltend zeigt. Der Weg führt über pastose Landschaftsetüden, schließlich schroffe Steinfelder Mitte der achtziger Jahre zu jener figurativen Heftigkeit, für die sich Berlin als Malerstadt einen Ruf erwarb. Doch Koberling war immer schon eher Mentor gewesen und bei jener berühmten ersten Ausstellung der Neuen Wilden am Kreuzberger Moritzplatz nur als Bezugsgröße dazugenommen worden. Während Fetting, Salomé und Co. das urbane Lebensgefühl in ihre Bilder bannten, trat Koberling weiterhin als Landschaftsmaler hervor. In gewisser Hinsicht ist er es auch nach all den Jahren geblieben; nur widmet er sich nun einem Detail der Natur. Er ist vom Großen aufs Kleine gekommen, in dem sich wiederum das große Ganze entdecken lässt. Die dunkle Expressivität von einst hat er darüber weit hinter sich gelassen, als wären aus den Erdkrumen nach Jahren nun die Blüten hervorgebrochen. Frühlingserwachen eben.

Galerie Ascan Crone, Kochstraße 60, bis 12, Juni; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr. Im Kleinheinrich-Verlag Münster sind zwei Gedichtbände mit isländischer Lyrik von Snorri Hjartarson und Baldur Oskarsson erschienen, die von Aquarellen Bernd Koberlings begleitet werden.

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