Kultur : Künstlers Sturzflug

KATJA REISSNER

Zehn Künstler der jungen Generation organisieren ihre eigene Ausstellung, weil sie Abstand gewinnen wollen vom Kunstbetrieb und kuratorischen Vorgaben.Sie wählen den verwegenen Titel "Kamikaze", wobei sie damit rechnen müssen, daß damit aggressives Draufgängertum bis zur Selbstzerstörung assoziiert wird.Sie machen ein Plakat, statt eines Katalogs, und besetzen es mit Statements zur Rezeption von Kunst und ihrer eigenen Künstlerrolle.Dabei nehmen sie verschiedene Haltungen ein: Johannes Kahrs verweigert trotzig eine dienstleisterische Künstlerschaft, Philippe Meste kommentiert seinen Video-Beitrag, der eine fikitve miltitärische Intervention in Marseille dokumentiert.Gunda Förster liefert einen Generaltext zu den Subtexten der anderen, der mit der Frage endet: "Wer interessiert sich überhaupt für Kunst?".Jeder konstruiert vorab einen kleinen Kontext oder eine Pseudoanekdote, die sich auf die eigene Person und Ausstellung bezieht.

So weit, so gut - ist man dann in den freilich nicht leicht zu bespielenden Räumen des Marstalls, fragt man sich, ob die Künstler es nicht besser bei diesem illustrierten Kunstkommentar belassen hätten.Olaf Westphalen, der im obigen Zusammenhang den Kurator als lächerliche Figur karikiert, nimmt mit seiner Replik auf das Plakat die dortigen Äußerungen auf die Schippe, ein amüsantes Eigentor.Nach diesem Entree hat man den Eindruck, die Teilnehmer konnten sich nicht recht entscheiden, ob sie ihrer Show eine inhaltliche Tendenz geben oder nur um sich selber kreisen wollten.

Ein latentes Thema ist - und darin findet sich die Stimmung des Wortes "Kamikaze" wieder - die Welt als ein Desaster von Gewalt und Medienkälte, so belegt durch die kleine Videopyramide von Assaf Safy Etiel, die "Demolition in the Desert"-Prints von Lisa Anne Auerbach und die"Fuck you"-Tapes von Johannes Kahrs.Dies wird zugleich durchsetzt mit designerischer Indifferenz und jugendlich künstlerischer Rebellion.So karrte Monica Bonvicini Schutt von der Alten Nationalgalerie herüber, ein eigentlich überholter künstlerischer Akt, der aber im sonst völlig leeren Raum zusammen mit den minimalistischen Zeichnungen von Andrea Bowers eine poetische Situation herstellt.Ein schöner Kommentar zur Ausstellung ist Sarah Ciracs Video mit dem Titel: "Tanto rumore per niente".

Keiner hat hier ernsthaft Kamikaze betrieben, denn diese jungen Künstler wollen ja noch was werden, und da müssen sie zwangsläufig im System Kunstbetrieb agieren.Echtes Kamikaze wäre der Versuch, in andere, nicht von der Kunst bestimmte Kreisläufe einzusteigen.

Marstall, Schloßplatz 7, bis 19.Juli.

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