KÜNSTLERSELBSTBILD„Disegno! Der Zeichner im Bild“ : Der freie Blick

Christina Tilmann

Es ist eines der berühmtesten Blätter des Berliner Kupferstichkabinetts, und noch dazu ein einzigartiges: der so genannte „Kettenplan“, eine Stadtansicht von Florenz aus den Jahren 1485/1510. Nicht nur, dass der Monumentalholzschnitt von Lucantonio degli Uberti nach einem Kupferstich von Francesco Rosselli zu den ersten perspektivischen Stadtansichten überhaupt zählt. Der Künstler hat sich auch selbst im Bild verewigt: als Zeichner, der auf einer Anhöhe über der Stadt sitzt und im Block die sich ihm darbietende Ansicht festhält.

Um dieses Werk gruppiert das Berliner Kupferstichkabinett nun in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut in Florenz eine Ausstellung, die sich mit der Rolle des Zeichners in der Renaissance beschäftigt. Das Selbstbild verändert sich rapide. Albrecht Dürer zeigt noch 1538 in einem Holzstich den Künstler, der ein Aktmodell mit der Laterna Magica vermisst – der Künstler als Konstrukteur der Bildwirklichkeit. Bei Annibale Carracci sitzt der junge Maler dann 1580 schon entspannt vor der Staffelei und zeichnet freihändig. Bald sitzt, wie auf einem Stich von Odoardo Fialetti von 1608, die ganze Zeichenakademie vor den Blättern (unser Bild). Und Hans Savery entlässt den Künstler elf Jahre später schließlich ins Freie, setzt ihn unter einen Baum, in eine Flusslandschaft mit verfallener Brücke. Da sieht man erst, wie fortschrittlich schon Francesco Rosselli 1485 auf seiner Vorlage zum Kettenplan war. Die Freiheit des Künstlers – hier hat sie begonnen. Christina Tilmann

Kupferstichkabinett, Fr 23.11. bis So 24.2., Di-Fr 10-18, Do bis 22 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr, 8 €, erm. 4 €

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