Kultur : Künstliche Menschen, kontrollierte Körper, aufständische Apparaturen

Claudia Lenssen

Die Retrospektive der 50. Berlinale zeigt 50 Filme von 1905 bis 1997Claudia Lenssen

Doktor Frankenstein: ein Urbild des mad scientist. Der exzentrische Wissenschaftler, der den göttlichen Schöpfungsplan um eine neue Spezies erweitern will. Sein faustisches Werk verdankt sich nicht mehr der Alchimie, den Zauberformeln oder gar dem Beistand des Teufels. Der "moderne Prometheus" - so nannte ihn seine Schöpferin Mary W. Shelley - betätigt sich als Leichenschänder, Chirurg und Ingenieur.

Frankensteins Operation, die Transplantation von Organen, ist längst Klinikalltag. Niemand mehr fantasiert dabei dunkle Mächte, aus der Monster entstehen könnten. Längst sind Techniken zur Perfektionierung der Lebensqualität, der Schönheit, der Ordnung von Geburt und Tod nicht mehr romantische Ausgeburten einzelner mad scientists, sondern systematische Fortschrittspolitik. Künstliche Organe ersetzen marode Körperteile, die genetische Entschlüsselung könnte zu einer Zuchtauswahl unserer Nachkommen verführen. Künstliche Intelligenz könnte sich ihrer selbst bewusst werden, sich vielleicht weiter entwickeln als die Menschen. Welche Körper würden sie wählen? Manische Maschinen, kontrollierte Körper - das Thema der Retrospektive der 50. Filmfestspiele ist alles andere als "retro". Im Gegenteil. Es trifft genau die Angst und die Lust, mit der wir am Beginn des neuen Jahrhunderts konfrontiert sind.

Automatenmenschen, Puppen, Homunculi, Alraune, Monster, Androiden, Roboter, Replikanten - das Programm zeigt mehr als 50 Filme aus den Jahren 1905 bis 1997. Leitfaden ist ein ausgezeichneter Katalog, der auch Bilder anderer Filme auftauchen lässt. Zum Beispiel das Bild vom Tanz des alten Casanova mit einer lebensgroßen automatischen Puppe - letzte erotische Selbstbezogenheit und poetischer Höhepunkt der Einsamkeit in Fellinis "Casanova". Oder Tim Burtons "Edward mit den Scherenhänden", wo der sanfte Edward, ein missratenes Laborexperiment, in einer amerikanischen Suburbsiedlung sein Handicap, die Scherenhände, zur skulpturalen Verschönerung der Gartenhecken und Damenfrisuren einsetzt. Trotz der lärmenden Freundlichkeit seiner Umgebung bleibt er ein Fremder. Ripley, die Weltraumagentin der "Alien"-Filme, begegnet einmal ihrem geklonten Abbild, festgeschnallt auf einem Labortisch als Wirtskörper der monströsen Allesfresser - Schreckbild totaler Instrumentalisierung.

Künstliche Menschen sind Geschöpfe und Diener, Kraftprotze und Kampfmaschinen, Aufräumer, Spielkameraden, konstruktive Genossen - so die optimistische Vision, der Mensch könne den "neuen Menschen" schaffen, ohne seine alte Vorrangstellung zu revidieren. Der überwiegende Teil der Erzählungen jedoch stürzt diese Vision ins Reich der faustischen Sünden, der missratenen Projekte, der uneinholbaren Phantome.

Die avantgardistische Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts bevorzugte Dekonstruktionsspiele, liebte Experimente mit mechanischen Körperbewegungen in der Bildenden Kunst, im Theater, im Film - zumal im revolutionären Schwung der ersten Jahre im sowjetischen Russland. Man versuchte, die amerikanischen Maximen des Taylorismus mit der Aufbau-Euphorie im eigenen Land zu verschmelzen. Der Körper sollte dem Rhythmus der industriellen Arbeit angepasst werden, die Kunst propagierte den kollektiven Genuss daran. Die Retrospektive zeigt auch Beispiele aus Filmen des ehemaligen Ostblocks, die das Kippen der einstigen Vision in totalitäre Doktrinen thematisieren; ein brillanter Essay von Hans Joachim Schlegel im Begleitbuch spinnt rote Fäden durch dieses wenig geläufige Thema. Unter diesem Aspekt ist der traurige Clown, zu dem der "Mann aus Eisen" als stalinistischer Akkordarbeiter in Andrzej Wajdas Film mutiert ist, Karikatur eines gescheiterten Kunstmenschenprojektes.

Vom Scheitern handeln die meisten Filme. Als Horror-, Fantasy- und Science Fiction-Erzählungen gehen sie über die sozialen Phantasien des vergangenen Jahrhunderts hinaus. Sie bringen auf den Punkt, wie der Menschheitstraum fortwährender Grenzüberschreitung, der Traum von Allmacht und ewigem Leben mit technologischer Kapazität in Angriff genommen wird, welche Machtkonflikte dabei entstehen, was alles schief gehen kann, wie sich der individuelle Fehler zur menschengemachten Apokalypse ausweiten könnte.

In Earle C. Kentons "Insel der verlorenen Seelen" ist Charles Laughton die Inkarnation des sadistischen Wissenschafts-Dandys, der ein Mutantenreich aus Tiermenschen befehligt, gekreuzt aus der Inselfauna und schiffbrüchigen Matrosen. Sie fürchten nichts so sehr wie das "Haus der Schmerzen", in dem sie operiert werden, und diese kreatürliche Furcht bringt die stammelnden Freaks schließlich dazu, den Aufstand zu proben und ihren Peiniger umzubringen. In "Frankenstein", 1931, im Jahr zuvor gedreht, hat das tapsige Monster in der unvergesslichen Maske von Boris Karloff keine Chance zu einer solchen Tat beginnenden Selbstbewusstseins. Es wird stattdessen für die Verkörperung des Bösen schlechthin gehalten, da sein implantiertes Gehirn versehentlich einem Toten gestohlen wurde, der als notorischer Krimineller hingerichtet worden war. Sobald das Monster ausgebrochen ist, beginnt eine Hetzjagd, als wolle die Bevölkerung mit Doktor Frankenstein die Gestalt gewordenen destruktiven Potentiale des Wissenschaftlers zusammen mit seinem Geschöpf aus der Welt schaffen. Nach Art der Lynchjustiz wird dem Monster eine Kindstötung unterstellt, es wird in die Enge getrieben und kommt im Feuer um, dem Element, vor dem es panische Angst zeigte.

Die Konfrontation der panischen Schöpfer mit ihren Geschöpfen - diese fatale Beziehung ist Stoff vieler Filme. Der Golem, ein magisch-alchimistisch beseelter Mann aus Lehm, kann im Getto seines Meisters Rabbi Löw nicht mehr stillgestellt werden und beginnt mit blinder Zerstörung, umso furioser, als die Bewohner in Panik geraten. Hier wie in "Frankenstein" wirken die Monster kindlich, können für kurze Momente Beziehung aufnehmen zu arglosen Kindern. Frankenstein spielt, glücklich glucksend, mit einem kleinen Mädchen und wirft es, das unterstellt die elliptische Handlung, in einen See, so wie das Mädchen Blumen ins Wasser geworfen hatte. Der Golem trifft auf ein Kind und hebt es innehaltend in die Höhe - ein Moment, in dem die Entdeckung des Anderen zugleich die Frage möglich zu machen scheint: Wer bin ich?

Die Klassiker, die man als Ikonen ihres Genres zu kennen glaubt, machen in diesem Programm deutlich, wie sich die experimentellen Parameter der Kunstmensch-Visionen mit der technologischen Entwicklung sprunghaft weiterentwickelt haben. Ihre dämonische Fantasterei ist noch mit den vier Elementen, mit handwerklichem Schaffen oder einer schriftlich vermittelten Belebungsformel verbunden - kurios und dennoch von einer anrührenden Melancholie, wenn sie das Scheitern der Prometheus-Spiele des Menschen beschreiben.

Die Suche nach Identität, der unbestimmbare Zwischenraum zwischen technisch-rationaler Zweckbestimmtheit und Perfektion einerseits und menschlicher Emotionalität andererseits, ist auch in vielen Filmen Thema, in denen die Kunstmenschen als Machos und Saubermänner aufräumen. Arnold Schwarzeneggers "Terminator" hält seinen kleinen Menschen-Schützling einmal genauso vorsichtig hoch, wie es der Golem mit dem Kind tat. Warum weinen die Menschen? Was ist Schmerz? Ist Gewalt entschuldbar, wenn sie aus Leid geschieht? - Das sind Fragen, die die "lernende Maschine" Terminator mit ihrem Schützling erörtert und sich auf diese Weise mitten im Action-Szenario so zu identifizieren beginnt, dass die soldatische Mutter des kleinen Jungen in ihm die ideale Vaterfigur zu erkennen glaubt - Traum von der Heilung der aufgelösten Strukturen, rettender Handlungsdreh aus der Endzeit-Vision heraus.

"Vater, ich will mehr Leben", fordert der menschengleiche Replikant von seinem Genkonstrukteur in "Blade Runner". Jeder der Replikanten besitzt einen Vorrat an Kindheitserinnerungen als Grundausstattung; gerade sie, die die Perfektion der Nachbildung stützen sollen, führen dazu, dass die Replikanten sich gegen ihre programmierte Lebensfrist zur Wehr setzen und den tragischen Aufstand beginnen. In "Gattaca" träumt ein junger Mann, listiger Überwinder der Nachteile seiner Geburt als "Invalider", als unperfektes Zufallskind seiner Eltern in einer Gesellschaft genkontrollierter Geburtenselektion, vom Verlassen der kalten Erde. Er betrügt die Kontrolleure und verschafft sich einen Platz in der Rakete Richtung Titan.

Bewusstsein, erzählen die Filme, beginnt mit emotionalen Fähigkeiten, aber genau da fangen die Konflikte an, die mit der Vision künstlicher Menschen bewältigt werden sollten. Sind die Geschichten vom anderen, vom künstlichen Menschen hier nur mit Fantastischem aufgeladene Spiegelbilder unserer selbst? Die alten mythischen, antizivilisatorischen Träume werden in diesem Genre ebenso geträumt, wie sie andererseits auch von Projektionen in eine von Gefühlen total entfremdete Zukunft erzählen. Sie sind beunruhigend offen, sie machen neugierig auf jeden neuen Erzählversuch.Berlinale: vom 9. bis 20. Februar. Alle Filme der Retrospektive im Cinemaxx9 am Potsdamer Platz; Begleitprogramm mit Vorträgen und Lesungen im Filmmuseum Berlin, Sony Center, Potsdamer Straße2

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