Kultur : Küss den Nachbarn

PERFORMANCE

Alexander Visser

Schön, wenn Kunst ein konkretes Anliegen hat. Die deutsch-englische Performergruppe Gob Squad hat sich an diesem Abend vorgenommen, die Anonymität zu bekämpfen. Das wollen Elyce Semenec, Sean Patten, Berit Stumpf und Simon Will erreichen, indem sie mit ihren Kameras durch Prenzlauer Berg ziehen und eine Liebesszene zwischen zwei völlig Fremden inszenieren. Zu Beginn des Abends erleben die Zuschauer im Prater , wie die Performer von ihrem Super Night Shot zurückkehren. Dann zeigen vier Projektoren parallel, was den Expeditionsteilnehmern unterwegs zugestoßen ist. Rüdiger zum Beispiel. Rüdiger war mit dem Fahrrad unterwegs und hat für Elyce angehalten. Mit gewinnendem Lächeln und gebrochenem Deutsch gewinnt sie den verwirrten Passanten für die geplante Kussszene auf der Kastanienallee. Er versteht nicht recht, worum es geht. Aber er will nett sein, also kommt er mit.

So eine Performance kann unglaublich peinlich werden: Wenn Passanten vorgeführt werden, wenn man Lustigkeit erzwingen will, wenn alles endlos vor sich hinplätschert. Aber Gob Squad macht das ja nicht zum ersten Mal. Seit 1994 macht die Gruppe mit Inszenierungen auf U-Bahngleisen oder in Hotelzimmern von sich reden und experimentierte schon bei „The Great Outdoors“ mit Videosafaris, die in den Berliner Straßenalltag einfielen. Auch bei „Super Night Shot“ gelingt ihnen eine souveräne Bild- und Erlebnis-Führung, so dass man gerne zuschaut (noch einmal heute, dann wieder ab 13. Februar). Auch weil Rüdiger so ein netter Nachbar ist und sich am Ende nicht scheut, einen völlig Fremden zu küssen. Im Kampf gegen die Anonymität hat Gob Squad eine Schlacht gewonnen.

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