Kultur : Küssen, Kaffee trinken, Küssen

NORBERT SERVOS

Auftakt a tempo.Laute Tangomusik erklingt, schnell laufen einzelne Tänzer herein, tanzen kurze Soli, verschwinden - rasende Schatten, die kommen und gehen, von behender Hast getrieben.Überstrahlt werden sie von Blumenprojektionen, die den ganzen Bühnenraum füllen.Fast erscheint das neue Stück von Pina Bausch (eine Koproduktion mit dem Teatro Argentina in Rom), das jetzt im Wuppertaler Opernhaus seine Uraufführung erlebte, wie eine Fortsetzung der vorangegangenen "Masurca Fogo".Die endete mit Blumen, die sich im Zeitraffer öffneten - ein optischer Tribut an das Leben, an jedweden Neubeginn.Im neuen, wie so oft noch titellosen Stück scheint die Botschaft in den Körpern angelangt und spornt sie an zu überbordender Tanzlust.Ganz allmählich kündigt sich in den rasenden Wechseln an, daß hier ein Fest vorbereitet wird: ein Fest für die Liebe, die Nähe eng tanzender oder knutschender Paare.

Einen eindrucksvollen Ort hat der Bühnenbildner Peter Pabst für die Begegnungen der 16 Männer und Frauen geschaffen.Wie ein vom Himmel gefallener Komet erhebt sich ein schroffer grauer Felsen in den Bühnenhimmel, bewachsen mit tropischer Vegetation.Eine Insel der Seligen, die doch kaum einer je erklimmen wird.Wie eine Ausgeburt ihrer Sehnsüchte umspielen die Akteure den Stein, als hätte sie alle schlagartig die Liebe getroffen.Für die langerhoffte Begegnung mit der einen, dem einen Einzigen halten sie sich fit, trainieren an einer eilig hereingetragenen Stange, zeigen Muskeln.Rasch drapiert man einen Mann mit Hosenträgern, drückt ihm Gläser und Wein in die Hand.Gut soll er aussehen für das Rendezvous.Ganz anders als in anderen Stücken wirken diesmal die nicht enden wollenden Soli - nicht wie eine selbstversunkene Meditation, eher schon wie eine vitale Sehnsuchtsübung, von einer überquellenden Lebenslust befeuert.

Da genießt eine Frau kokett, doch mit feiner Erotik ihre Hüftbögen, tanzt eine andere ausufernde Glückskreisel.Mit dem Absatz ihres Pumps testet ein Mann die Reflexe der Geliebten und küßt immer wieder den hochschnellenden Fuß.Da kann die Geliebte später aus einem Brot Halskette und Ringe hervorzaubern, als wäre im Rausch der Liebe alles möglich.Grüne, noch unreife Bananen werden von den Frauen kurzerhand gelb angepinselt.Hand in Hand stehen sie an der Rampe und lassen sich glückselig in die Arme der bereitstehenden Männer fallen.Glücksjauchzer haucht man in Taschentücher, die eilig zwischen einem Paar hin und her getragen werden.Mehr und mehr kommt das Fest in Schwung.Die ausgelassenen kindlichen Fangspiele gehen im Wortsinn über Tische und Bänke.Während eine Gruppe von Männern den Tisch unter ihr rotieren läßt, geht eine Frau ruhig weiter.Nichts kann sie beirren; die Kraft der Liebe läßt sie alle Hindernisse überwinden.

Wie schon die beiden vorangegangenen Stücke ist auch der neue zweieinhalbstündige Abend von einem realistischen Optimismus getragen.Pina Bausch stellt sich ganz auf die Seite des Lebens - nicht in blindem Überschwang, sondern in der Einsicht, daß gerade die härteren Zeiten von einem Hoffnungsschimmer balanciert würden müssen.Lagen früher die Kontraste in den harten Schnitten zwischen den großen Szenenblöcken, so finden sich heute die Gegenbewegungen in den einzelnen Tänzen selbst.Hochkomplex bezeugen sie, daß jeder einzelne eine Fülle widerstreitender Hoffnungen, Ängste und Wünsche in sich beherbergt.Aber sie alle bilden eine Kraft, aus der sich das Leben gestalten läßt - einem besseren Ende zu.

Wenn dann schließlich das Fest stattfindet, erscheint es einmal mehr als ein heiterer, schöner Traum.Auf Rollschuhen bringen die Männer Tische und Stühle herein, bitten die Frauen zum Tanz um den Inselfelsen.Danach versuchen es die Männer zu italienischer Rapmusik mit heftigem Imponiergehabe, werfen (pantomimisch) ihr Motorrad an oder liegen stoisch als Brett zwischen zwei Tischen.Unberührt stehen Liebende im abgefilmten Autoverkehr, küssen einander, lassen sich Kaffee servieren, küssen weiter.Unversehens wechselt die Szenerie zu ausgelassenen Wasserspielen, verwandelt sich die Bühne in eine dampfende Sauna, in der man sich vom Feiern erholt.In die Pause hinein entläßt die Männergruppe die Zuschauer mit einem zünftigen Schuhplattler in Gummistiefeln - mit augenzwinkerndem Humor.

Den ganzen ersten Teil hindurch behält Pina Bausch die Spannung des grundgelegten Rhythmus.In bewährtem Wechsel begleiten die von Matthias Burkert und Andreas Eisenschneider zusammengestellten Musiken die mal erregten, mal ruhigen Stimmungsbilder.Wie so oft siedeln Marion Citos Kostüme das Stück zwischen sommerlicher Frische und oppulenter Eleganz an.Die Kompanie, allen voran Julie Shanahan, Ruth Amarente, Nazareth Panadero, Jan Minarik, Rainer Behr, Jorge Puerta Armenta und Fernando Suels, beglaubigt mit ihrer Tanzlust und ihrem Charme den klugen und wohlbedachten Optimismus dieses Abends.Mit Shantala Shivalingappa als Gast zeigt sich überdies, daß Pina Bauschs weltoffene Bewegungskunst sich mühelos auch mit dem klassisch indischen Tanz verschwistern läßt.

Ledigtlich im zweiten, noch einmal fünfundvierzigminütigen Teil spürt man, daß die Choreographin mit ihrer Arbeit noch nicht ganz zuende gekommen ist.Wie stets besteht er aus zahlreichen Wiederholungen und Variationen über das Thema.Ruhiger, entspannter scheint die Atmosphäre.Nur die blockweise Wiederholung ganzer Szenenkomplexe mindert jetzt den Elan.Am Ende stehen lauter Paare eng küssend beieinander.Zur Stärkung erhalten sie Kaffee, dann küssen sie unbeirrt weiter.Ad infinitum - ein Plädoyer für die Liebe.

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