Kultur : Küssen, klauen, chatten

Ein Teenie-Stück im Theater Strahl

Nantke Garrelts
Küss mich, ich bin ein Frosch. Yvonne Yung Hee und Christian Giese. Foto: Theater Strahl
Küss mich, ich bin ein Frosch. Yvonne Yung Hee und Christian Giese. Foto: Theater StrahlFoto: joerg metzner

Brecht hätte gejubelt. So viele schöne Verfremdungseffekte: ein Regisseur, der seinen Figuren die Regienanweisungen vorliest; Schauspieler, die aus ihren Rollen fallen und balletttanzend das Bühnenbild umbauen; ein Charakter, der gleichzeitig Bühnentechniker und Casanova ist.

Leider aber haben zwölfjährige Zuschauer wohl keinen Sinn für solche dramaturgischen Spitzfindigkeiten. Sie lachen sich kringelig, weil die Hauptfigur Rosa (Yvonne Yung Hee) mit gelben Turnschuhen und lila Perücke aussieht wie eine Raverin aus den neunziger Jahren. Wobei den Fast-Jugendlichen Rosas Problem wohl ziemlich bekannt vorkommen dürfte: „Wie überlebe ich meinen ersten Kuss“ ist die Frage aller Fragen, wenn man 13 Jahre alt ist, von Berlin nach Ulm umziehen muss und gerade einen vier Jahre älteren Jungen kennengelernt hat. Dazu kommen noch die Schwangerschaft und der neue Freund (Christian Giese) der Mutter (Anna Trageser). Also: alles blöd!

Ihr pubertäres Gefühlschaos besingt Rosa schief, aber herzlich in wütenden Rocksongs und musicalhaften Kitschballaden. Typisch stimmungsschwankender Teenie eben. Und natürlich eskaliert die Situation. Als Rosas Diebstähle für ihren angebeteten Thomas auffliegen, packt sie ihr Bündel und setzt sich in den Zug nach Berlin. Die personifizierte Weisheit in Gestalt des als Großmutter verkleideten Regisseurs (Andreas Schwankl) lässt wie zufällig das unvollendete Skript fallen und fordert Rosa brechtgetreu auf, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: „Mach eine schöne Geschichte draus!“ Woraufhin sie am Laptop die Geschichte weiterschreibt und verwirft – bis schließlich alle wieder versöhnt sind.

Das alles ist zwar recht vorhersehbar, aber zumindest nach dem Gusto der Generation der digital natives aufbereitet. Mit deren Medienversessenheit weiß Regisseurin Betty Hensel geschickt zu spielen. Sie lässt Rosa über Skype Küssunterricht nehmen, im Chatroom flirten und mit der Kamera Puppentheater spielen. Spätestens jetzt dürfte die Identifizierung der Zuschauer mit der Figur dahin sein. Aber Fremdschämen ist ja auch eine Form der Verfremdung. Nantke Garrelts

Theater Strahl, Martin-Luther-Str. 77, 14.-17. Juni, jeweils 11 Uhr.

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