Kultur : Kugelfisch und Messerstich

CHRISTINE WAHL

"Rabenthal" im Berliner Theater zum Westlichen StadthirschenVON CHRISTINE WAHLWeltüberdruß und Zynismus haben ja Konjunktur; und so findet auch der Kunsthändler Maximilian Rabenthal, daß der Ekel das einzige sei, was man auf dieser Welt noch genießen könne.Deshalb lädt er seine soeben angetraute Helena, die ihn selbstverständlich gleichfalls aus schlichter "Langeweile" geheiratet hat, zum Hochzeitsmahl in eine schäbige Wiener Kneipe, wo der Wein aus Tetra-Packs und überdies nur ein einziges Gericht serviert wird: Der living fish - ein Tier, das noch auf dem Teller im Todeskampf zappelt und lebendigen Leibes verspeist werden muß.Zubereitet wird die Spezialität von einem häßlichen, gewalttätigen Koch namens Valentin Boscik.Herr Boscik sitzt den ganzen Tag vor seinem Aquarium und philosophiert über die "Kunst, das Fleisch zu garen und das Tier am Leben zu lassen." Er fühlt sich dabei - dies ist also ein Gleichnis für die menschliche Spezies - wie Gott.Im Dienste der Suche nach dem ultimativen Kick bittet Herr Rabenthal Herrn Boscik, an seiner Statt die Hochzeitsnacht mit Helena zu verbringen.Helena rächt sich, indem sie gleich ganz beim Fischkoch einzieht.Das Ganze steuert zusehends zäher auf den Showdown in Gestalt eines angeblich lebensgefährlichen Kugelfisch-Diners im Hause Rabenthal zu: Es ist die berühmte Ironie des Lebens und eben auch das Kalkül dieses Dramas, daß Herr Boscik, der nicht nur über eine beträchtliche Messersammlung verfügt, sondern auch wiederholt seine Fähigkeit demonstriert, diese zum Einsatz zu bringen, am Ende selbst niedergestochen wird.Soweit "Rabenthal", das fünfte Stück des Münchner Dramatikers, Drehbuchautors und Filmregisseurs Jörg Graser.Johannes Herrschmann hat es nun im Theater zum Westlichen Stadthirschen viel weniger spektakulär inszeniert, als die Vorlage wahrscheinlich sein will; und das ist gut so.Im minimalistischen Bühnenbild von Isolde Wittke stilisiert er seine Figuren nicht zu bloßen Typen, sondern läßt sie zwischen Groteske und Realismus changieren.Ursula Ofner als Helena gesteht ihrer Karikatur einer kühlen Verführungsstrategin sehnsüchtige Tendenzen zu; Dominik Benders Rabenthal trifft den Ton des snobistischen Spielers, der wie jeder Zyniker unter seinem Zynismus leidet, und Thomas Jahn gelingt es auch meistens, als "tierischer" Fischkoch ebenso unangenehm unkontrolliert wie bedauernswert zu wirken.Merkwürdig fern bleibt das Ganze trotzdem; vielleicht weil die Auffassung, daß "die Liebe" - wie es bei Graser heißt - "gnadenlos" sei nicht als grandios neu gelten dürfte. Bis 31.Mai, Donnerstag-Sonntag, 20 Uhr.

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