Kultur : Kugelschreiber auf Modelhaut

CARMELA THIELE

Das Spritzgebäck liegt in der Vitrine: Der "Liebesknochen" ist eines der Fundstücke, die Peter Bömmels auf seinen Streifzügen durch das gemütliche Esslingen auflas.Ihm fiel der sprechende, ins Erotische weisende Name des an sich harmlosen Stück Kuchens auf.Neben solchen im Museum obskur wirkenden Gegenständen hängen an den Wänden Polaroids, Fotografien von vergessenen Ecken des sauber gefegten Fachwerk-Städtchens.Die Bilder dokumentieren die Beobachtungen des Kölner Künstlers, dessen Name eigentlich mit der Mühlheimer Freiheit, mit der wilden Malerei der achtziger Jahre assoziiert wird.Wie die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven, die ebenfalls auf der 4.Internationalen Foto-Triennale in Esslingen zu sehen ist, benutzt Bömmels seit langem Fotografie als eine Form der Wirklichkeitsaneignung.

Die Definition von dem, was künstlerische Fotografie ist, hat sich seit den sechziger Jahren geändert - und zwar ohne daß sich dies im Bewußtsein der Öffentlichkeit durchgesetzt hätte.Fotografie ist zu einem Verfahren geworden, dessen sich Künstler auf vielfältige Weise bedienen.Diese Botschaft begleitet die Internationale Foto-Triennale unterschwellig, seitdem sie 1989 von dem damaligen Leiter der Städtischen Galerie Esslingen, Alexander Tolnay, gegründet wurde.Dieses Mal lud die Verfechterin zeitgenössischer Kunst, Renate Wiehager, 54 Künstler ein, die an verschiedenen Orten der Stadt ihre Arbeit zeigen: Im Haupthaus, der Villa Merkel samt Bahnwärterhaus, in der Galerie am Heppächer, im Stadtmuseum und im Schwörhaus.Die jetzige Chefin des Hauses betont mehr als ihre Vorgänger die neue Rolle der Fotografie.

Mit ihrem Titel "Photography as concept, Fotografie und Handlung" stellt sie einen Bezug zur konzeptionellen Kunst der sechziger Jahre her, der für sie "in der zeitgenössischen Kunst sehr stark ablesbar" ist.Der Zusatz "Fotografie als Handlung" deute an, daß es in der zeitgenössischen Fotografie eine Tendenz gibt, "weg vom großen musealen Cibachrome-Farbfoto, das vor allem durch den Kunsthandel in den achtziger Jahren protegiert wurde, gewissermaßen, um den Platz der Malerei einzunehmen, hin zu einer Untersuchung von Fotografie als einem Medium, mit dem sich Erkenntnisprozesse entwickeln lassen, darstellen lassen".Das würde bedeuten, daß das, was passiert an Aktionen, an Gedanken, an Konzepten, bevor ein Foto entsteht, also das, was vorher im künstlerischen Zusammenhang passiere, wichtiger sei als das fotografische Endprodukt.

Wer mutmaßt, in Esslingen ausschließlich mit unausgereiften Kopfgeburten konfrontiert zu werden, erlebt eine Überraschung: In der Galerie am Heppächer zum Beispiel dominiert das Thema Mode und Körper.Die Französin Natacha Lesueur fotografierte im Stil gängiger Werbeaufnahmen Frauenkörper, deren Haut sie eigenwillig präparierte: Mit Hilfe von Zuckerguß und Kaviar kommen Strumpfmuster plastisch hervor: ein irritierender Hinweis auf die Frau als Luxus und Naschwerk.Auch der Schweizer Daniele Buetti zerstört die Welt der konstruierten Schönheit.Er fügt den Ikonen der Hochglanzmagazine Verletzungen zu, in dem er die Makellosigkeit der Models mit Kugelschreiber-Tattoos aufhebt - sie dadurch menschlicher macht, wie er sagt.Auch Buetti findet die Frage nach dem Medium Fotografie "veraltet".Das sei vollkommen egal.Es gebe für ihn überhaupt keine Wertung zwischen den einzelnen Medien.Es gebe nur Projekte, Entscheidungen, die mit den Themen zusammenhängen.Wenn er mit diesen Supermodels arbeite, sei er auf die Abbilder angewiesen, denn die gebe es nicht in der Wirklichkeit.Sie seien das Produkt des Fotografen, des Modemachers, des herrschenden Schönheitsideals.

Der Eigensinn des Fotografischen wucherte in den letzten dreißig Jahren weit in die Kunstszene hinein, ohne jedoch die traditionelle Fotoszene zu tangieren.Die 4.Internationale Foto-Triennale trägt diesem Pänomen Rechnung.Die Ausstellung fächert auf, in welchem Gewand und in welcher gedanklichen Figur Fotografie erscheinen kann.Namen kommen ins Spiel, die kaum jemand mit Fotografie assoziieren würde: neben Darboven und Bömmels, der Russe Ilya Kabakov, der Österreicher Gerwald Rochenschub und die Engländerin Sarah Lucas.Ausgehend von einer konzeptuellen Arbeit Joseph Kosuths aus dem Jahre 1965 erteilt die Schau Nachhilfe in Sachen Kunst am Beispiel des Fotografischen.Eine gelungene Veranstaltung also, auch wenn der programmatische Anspruch durch die Wirklichkeit wohltuend korrigiert wird: Die Wiedergeburt der Konzeptkunst in den neunziger Jahren läßt sich in Esslingen zwar mit Händen greifen, auch das von vielen jungen Leuten voller Ironie durchgeführte Experiment des Prozeßhaften, doch entziehen sich die stärksten Arbeiten wie der Raum des früh verstorbenen Amerikaners Felix Gonzalez-Torres diesen Etiketten, selbst wenn sie Strukturen dieser Verfahren in sich tragen.

Bis zum 6.September, Katalog (Cantz-Verlag) 30 Mark

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