Kulisse Berlin : Stars und Sensationen

Jan Schulz-Ojala über Tarantinos Berliner Projekt "Unglorious Bastards", das die polithistorisch zahme Stauffenberg-Hommage aus dem Hause Cruise uralt aussehen lässt.

Jan Schulz-Ojala

Wenn es den genuin eher nachrichtenarmen Berliner Sommer nicht gäbe, schließlich macht die Politik Pause und das halbe Volk Ferien, man müsste ihn erfinden. Exklusiv für die amerikanische Filmindustrie und ihre selbstdarstellungsbedürftigsten Protagonisten. Sie sind es, die die nach Nachrichtenstoff gierenden Blätter und die selbige an überlangen hellen Tagen verschlingende Restbevölkerung mit dem versorgen, was wirklich wichtig ist: Menschen, Papiere, Sensationen!

Vergangenes Jahr machte Tom Cruise mit „Valkyrie“ diesen Job. Und er machte ihn, medientechnisch gesehen, nicht übel. Prompt entbrannte angesichts der auch in der Hauptstadt steigenden Dreharbeiten zwischen den führenden Blättern des Landes ein Kampf nicht gleich um die Meinungs-, wohl aber um die Bedeutungseintreibungsführerschaft, aus dem die „FAZ“ auf kurze Sicht als klarer Sieger hervorging. Dank hymnischer Begleitung des Ereignisses hatte sie sich den Exklusivbesuch am Set gesichert, während die „SZ“ nur mit einer umfänglichen Analyse des konspirativ beschafften Drehbuchs gegenhalten konnte. Klar, dass daraus wohl ein „Meisterwerk“ hervorgehen würde.

„Valkyrie“ machte seitdem überwiegend mit Pannen und Peinlichkeiten von sich reden, aber das ist Sommersonne von gestern. Denn nun ist Quentin Tarantino in der Stadt, und er hat mit dem (Anti-)Nazifilm „Unglorious Bastards“ ein Projekt im Gepäck, das die polithistorisch zahme Stauffenberg-Hommage aus dem Hause Cruise uralt aussehen lässt. Während die ortsansässige Presse bislang vor allem über mögliche Verpflichtungen von Stars berichtete, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio und Til Schweiger könnten dabei sein, betrieb die „SZ“ gestern erneut äußerst umfängliche Drehbuch-Exegese – klarer Sieg in der ersten Runde der Blattgiganten.

So ist nun also in der großen Medienwelt, dass Quentin Tarantino, der zwischen Genie und Wahnsinn zuletzt eher in Richtung des letzteren zu tendieren schien, auf 165 Seiten die wildestmöglich denkare Nazikolportage zusammengedichtet hat. Acht jüdische Söldner auf eigene Rechnung, die sich „Bastarde“ nennen, schlachten, angeführt von „Aldo dem Apachen“, hinter den französischen Linien deutsche Soldaten ab. Andererseits betreibt die Jüdin Shosanna, die ihre Familie bei einem Massaker verloren hat, im besetzten Paris ein Kino, das einen Nazi-Propagandafilm uraufführen muss. Doch die Deutschen haben die Rechnung ohne die „Bastarde“ gemacht … Als Aldo ist offenbar Brad Pitt verpflichtet, Angelina Jolie als Shosanna hingegen definitiv nicht. Sie muss zur Zeit die gemeinsamen Zwillinge hüten.

Gedreht wird das Projekt, das sehr fern auf Enzo Castellaris B-Picture „Ein Haufen verwegener Hunde“ (1977) gründen soll, ab Ende Oktober. Da fließt noch manche Drehbuchidee die Spree hinunter, und wer die Recken sind, die für dieses Splatter-Epos den Rücken durchdrücken, wird man wohl spätestens auf der Leinwand sehen. Immerhin: Das Drehbuch, soviel vermelden wir hiermit mit vorsichtigem Anspruch auf Exklusivität, scheint echt zu sein – sind doch die Produzentenbrüder Weinstein, in der Branche als ebenso verwegene wie harte Hunde bekannt, gegen eine Website in Stellung gegangen, die das Script zum Download online gestellt hatte. Nun findet man dort nur noch einen Link zu www.tarantinoboard.com/inglorious-bastards-script-download-t3156.html. Dies für alle absoluten Tarantino-Aficionados, die schon jetzt alles und noch viel mehr ganz genau wissen wollen.

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