Kultur : Kulissen der Großstadt

Die Galerie Hiltawsky entdeckt den polnischen Fotopionier Edward Hartwig

Angela Hohmann

Als Retrospektive, auch wenn sie sich so nennt, kann die Ausstellung nicht bezeichnet werden. Dazu ist die Anzahl der 35 präsentierten Arbeiten zu gering. Und doch ist es eine Entdeckung, die neugierig auf mehr Werke des Künstlers macht. Die gestern eröffnete Ausstellung der Galerie Hiltawsky in Kooperation mit der Frankfurter Moonblinx Galerie zeigt eher Ausschnitte aus verschiedenen Schaffensphasen des 1909 in Moskau geborenen polnischen Meisterfotografen Edward Hartwig, der 2003 in Warschau verstarb.

Schon in Jugendjahren machte ihn sein Vater Ludwik mit der Fotografie und der Arbeit in der Dunkelkammer vertraut. Frühe Aufnahmen aus den zwanziger und dreißiger Jahren lassen noch keine eigene Handschrift erkennen. Erst das Fotografiestudium von 1932 bis 1934 bei Rudolf Koppitz in Wien animierte Hartwig dazu, sich der experimentellen Fotografie zu widmen. Fortan arbeitete er mit Inszenierungen, Überblendungen, Doppelbelichtungen, Solarisationen sowie intensiven Licht- und Schattenkontrasten.

Die Motive – Landschaften, Akte und Porträts – werden durch diese Verfahren stark verfremdet. Dabei rückt die Fotografie Hartwigs in große Nähe zur Malerei und Zeichnung: Konkretes wird mit Abstraktem verschmolzen. Stets blieb der Mitbegründer des Polnischen Kunstfotografenverbandes der Schwarz-Weiß-Fotografie treu. Mit diesen Mitteln entwickelte Hartwig eine eigenwillige Bildsprache, die ihm vor allem in Polen, aber auch international Ansehen verschaffte. Sein Album „Fotografika” wurde in verschiedenen Sprachen verlegt.

Zeit seines Lebens hat sich Hartwig, der hauptsächlich in Warschau arbeitete, in Theater-, Künstler- und Filmkreisen bewegt, was sich auch in seiner fotografischen Arbeit niederschlug. Die konstruktivistischen Gemälde von Henryk Berlewi, einem Ur-Ahnen der Op-Art, kombiniert er mit Mannequins in Kleidern mit den gleichen Schwarz-Weiß-Mustern. Den Maler und Theatermacher Tadeusz Kantor lässt er in einem Triptychon durch Überblendungen mit seinen Kulissen verschmelzen – eine raffinierte und erzählerische Form des Porträts. Das Profil der Schauspielerin Krystyna Janda verschwimmt bei ihm hinter überblendeten Lichtreflexen und einer unterlegten Großstadtkulisse.

Im „Porträt eines Mädchens“ (1950), das als moderne Madonna an Audrey Hepburn erinnert, oder „In einer Hunde-Show“ aus den sechziger Jahren experimentiert Hartwig mit Körpern und Schatten, die zu abstrakten Flächen verschmelzen und dadurch ihre Dreidimensionalität verlieren. Die experimentellen Fotografien Hartwigs lassen ein hoch individuelles Werk entdecken. Die Preise für die Aufnahmen liegen zwischen 2500 Euro und 5500 Euro. Angela Hohmann

Galerie Hiltawsky, Tucholskystraße 41, bis 25. September; 09.2010, Tucholskystraße 41, Dienstag bis Freitag 13.30 bis 19.30 Uhr, Samstag 14 bis 17.30 Uhr.

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