Kultur : Kult aus der Dose

Brownie Wise brachte den Pop in die Küche: Das Eiszeitkino feiert das vergessene Tuppergirl – mit einer Party

Bodo Mrozek

Oft sind es die kleinen Dinge, die das Leben angenehm machen. In seltenen Fällen lösen sie sogar kleine Revolutionen aus. Im Jahre 1946 war der Polyäthylen-Chemiker und Unternehmer Earl Silas Tupper aus Berlin, New-Hampshire, auf der Suche nach einer Idee. Praktisch sollte sie sein, billig in der Herstellung, bunt und formschön: ein Produkt für die neue Zeit.

Seine Dosen, heute in Original oder Kopie in fast jedem Haushalt zu finden, erfüllten all diese Kriterien. Wenn man sie verschließt, entweicht mit einem Zischen die Luft und es macht Plopp: Das ist der so genannte Tupper-Seufzer. Tupperdosen sind praktisch unzerstörbar und den Bedürfnissen der Werktätigen angepasst: Vorgekochtes lässt sich bequem darin „eintuppern“ und jederzeit wieder aufwärmen. Damals war das eine Sensation.

Die Dokumentarfilmerin Laurie KahnLeavitt hat dem Alltagsprodukt hinterher geforscht. Ihr Film „Tupperware!“ (2003), der nun im Berliner Eiszeitkino erstmals in Deutschland zu sehen ist, erzählt nicht nur ein unbekanntes Kapitel der Massenkultur, sondern versucht auch die verlorene Ehre der Frau hinter der Dose wiederherzustellen. Während der Name des Erfinders der Plasteschüssel mit dem Vakuumverschluss heute fast jedem bekannt ist, ist die Frau, die das Unternehmen erst bekannt machte, fast vollständig in Vergessenheit geraten. Der Aufstieg der Dosenkultur verdankt sich einer Amerikanerin namens Brownie Wise.

Die allein erziehende Mutter aus Detroit war Earl S. Tupper in den Fünfzigerjahren begegnet. Sie vereinte die folgenschwere Idee des Homeshoppings mit der des Dosenfutters. „Die Fünfzigerjahre waren eine männliche Epoche“, erinnert sich eine Zeitzeugin im Film. „Viele Männer wollten nicht, dass ihre Frauen arbeiten.“ Brownie, wie sie bald alle nannten, hatte die zündende Idee. Warum sollten Hausfrauen nicht zuhause arbeiten und das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Eine Party feiern, Freundinnen treffen, essen und dabei Geld verdienen? „Lot’s of fun“ versprach Brownie den Frauen in einer beispiellosen Werbekampagne. Sie bildete Hausfrauen zu Tupper-Girls aus. Zu den Parties brachten Mütter altes Porzellan mit und tauschten es gegen poppiges Plastik. Die Strategie des Direktvertriebes in den Haushalten war so erfolgreich, dass Tupper expandierte. In Florida entstand unter Palmen die Firmenzentrale, ein buntes Kunststoffwunderland.

Auf alten Acht-Millimeter-Aufnahmen sieht man die wachsende Tupperfamilie beim Motivationstraining als Indianer verkleidet oder die Tupper-Wasserki-Girls bei ihren spektakulären Auftritten im Dienste der Dose. Während in den Kinderzimmern der konsumorientierte Typus des Teenagers heranreifte, verwandelten sich Hausfrauen in adrette Tupper-Ladies. Brownie zog ihnen hohe Absätze an und empfahl ihnen moderne Kleidung.

Sie selbst brachte es als weiblicher Superstar des Kapitalismus bis auf das Cover des „Time Life Magazine“ und ins Fernsehen. Ihre „Girls“ waren so erfolgreich, dass manche Ehemänner ihre Jobs aufgaben um mit ihnen durch die Staaten zu reisen. Brownies Karriere zeigte scheinbar, wie man in der Küche bleiben und trotzdem ein Star werden konnte. Bis es zum Bruch mit Earl S. Tupper kam. Im Jahre 1958 feuerte der Präsident seine Partnerin aus einem nichtigen Anlass und fand sie mit 35000 Dollar ab. Sein Unternehmen verkaufte er für 16 Millionen Dollar. Vom Erlös gönnte er sich eine eigene Insel in Zentralamerika.

Die gefeierte Tupper-Lady Brownie versuchte sich erfolglos mit Kosmetik-Homeshopping. Tupper wurde für sie zur Büchse der Pandora: Sie musste schmerzlich erfahren, dass die Popkultur eine Wegwerfgesellschaft ist, in der Menschen oft ebenso austauschbar sind wie die immer neuen bunten Produkte. 1992 starb sie vereinsamt in Florida. Heute setzt die Tupperware Corporation weltweit 1,2 Milliarden US-Dollar um, die Hälfte davon in Europa. In Deutschland verkünden 164 selbstständige Berater und 60000 Beraterinnen noch immer die Botschaft dauerhafter Frische – mit geschmackvollen Slogans wie „Tupperkulose ist ansteckend“. Die von Brownie erfundenen Parties werden weltweit alle 1,2 Sekunden gefeiert – eine davon am Sonnabend im Eiszeitkino.

„Tupperware!“ in englischer OV (60 Min., Beta) noch bis Ende Mai tägl. im Eiszeit Kino, Zeughofstr. 20 (Kreuzberg). Tupperparty am 24.4. um 23 Uhr, Film um 21.45 Uhr.

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