Kultur : Kult der goldenen Kälber

Die Gretchenfrage (1): Säkularismus ist auch eine Religion. Über Glaube, Kunst, kulturelles Gedächtnis – und den Fortschrittt in der Geistigkeit / Von Jan Assmann

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Wie hast du’s mit der Religion? Seit dem Erscheinen meines Buchs „Moses der Ägypter“ (1998) wird mir immer wieder die Gretchenfrage gestellt. Wie schon Faust kann ich darauf nur ausweichend antworten. Anders aber als Faust würde ich nicht auf Himmel und Erde verweisen. Was ich an der Religion schätze, ist die Aufklärung, die sie in die Welt bringt.

Das klingt paradox, weil man mit Religion meist, und nicht zu Unrecht, genau das Gegenteil verbindet. Was ich meine, ist der Impuls, nach der Wahrheit zu suchen und dabei über das Gegebene hinauszugehen, nicht beim Erreichten stehen und nicht in Geschichten verstrickt zu bleiben. Dieser Impuls ist religiös, denn es geht ursprünglich und hauptsächlich um die Suche nach der Wahrheit Gottes – oder nach dem wahren Gott. Sigmund Freud hat diesen Impuls zum „Fortschritt in der Geistigkeit“, wie er es nannte, als die große Entdeckung Echnatons gedeutet; der Ägypter Moses habe sie den Juden weitergegeben, die bis heute die Avantgarde in diesem Fortschritt bilden.

Luft von anderem Planeten

Wie und wann auch immer der monotheistische Impuls in die Welt gekommen sein mag, er eröffnet jenseits des Gegebenen, seiner Zwänge und Notwendigkeiten, einen Freiraum alternativer Bindung und Beheimatung. Er schafft einen inneren Vorbehalt gegenüber dem Zauber und den Mächten dieser Welt, verhindert, ganz im Gegebenen aufzugehen und sich darin allzusehr zu Hause zu fühlen. Er ist seinem Wesen nach Ikonoklasmus, Aufklärung, Weltentzauberung, Emanzipation.

Ob das nicht auch seinen Preis und ob es die Menschheit nicht nur beglückt hat, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls können wir Abendländer nun, nachdem dieser Gedanke seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren in der Welt ist, ohne ihn nicht mehr leben. Wir sind süchtig geworden nach dieser „Luft von anderem Planeten“ und ersticken, wenn uns, wie Jacob Taubes zu sagen pflegte, „der abendländische Atem ausgeht“.

Dieser abendländische Atem geht uns nur allzu schnell aus, wenn der monotheistische Impuls unterdrückt wird; wir haben es erlebt, in der Gegenreformation, in den Rauschzuständen von Nationalismus und Faschismus, im Totalitarismus der Ideologien, in der zivilreligiösen Mobilmachung gegen politische Feindbilder. Nur allzu schnell lassen wir uns in Geschichten, in politische Mythen verstricken, wenn die Religion verblasst – das heißt, wenn das verblasst, was ich unter Religion verstehe, und was sie ja zumindest auch sein kann und immer sein sollte: Aufklärung, Widerstand, Befreiung, Ernüchterung.

Es stimmt ja nicht, dass das Ende der Religion uns in die Freiheit des Geistes und das Zeitalter der Vernunft entlassen hat. Im Gegenteil: Das Ende der Religion hat uns dem neuheidnischen Ethnotheismus, der Selbstanbetung des Kollektivs und seinen politischen Mythen wehrlos ausgeliefert, die an ihre Stelle getreten sind. Das ist die bittere Lektion der letzten beiden Jahrhunderte. „Verehrt euch selbst in diesem Bilde!“, mit diesen Worten präsentiert Aron in Arnold Schönbergs Oper „Moses und Aron“ dem Volk das Goldene Kalb. Das Kollektiv ist die einzige Ressource des Sakralen, die nach dem Ende der Religion verblieben ist. Zugleich ist es, wie wir von Emile Durkheim („Die elementaren Formen des religiösen Lebens“, 1912) gelernt haben, die elementarste Form des Religiösen.

Der Ausstieg aus der Religion, immer verstanden als der monotheistische Impuls zum Fortschritt in der Geistigkeit, bedeutet meist Regression in ein atavistisches Neuheidentum. Das gilt für den Nationalismus ebenso wie für den schlecht realisierten Sozialismus und auch den Fundamentalismus, diesen anderen Wechselbalg der Moderne, der nicht nur im Gegebenen, sondern, mit Thomas Mann zu reden, im längst „Überständigen“ verharrt. Der islamistische Terror entspringt, wie Abdelwahab Meddeb gezeigt hat, einer schweren narzisstischen Kränkung. Die Antwort, die der Westen darauf findet, geht ihrerseits in Richtung einer zivilreligiösen, autoritären Beschneidung geistiger Freiheit und bürgerlicher Rechte, einer Idolatrie der „inneren Sicherheit“, die uns in politische Mythen verstrickt und den freien Blick auf den Anderen vernebelt.

Säkularismus schlägt nur allzu leicht in eine andere Art von Religion um, und das ist dann eine Religion, die keine Luft von anderem Planeten atmet, sondern im Kult der Goldenen Kälber eines nationalen oder internationalen Imaginaire aufgeht. Im gegenwärtigen „Kampf gegen den Terrorismus“ stehen sich ja nicht Religion und Säkularismus gegenüber, sondern zwei solcher Ersatz- oder Pseudoreligionen, die im Zuge der Moderne aus monotheistischen, puritanisch verengten Religionen hervorgegangen sind: der islamistische Fundamentalismus, hervorgegangen aus dem wahhabitischen Puritanismus, und die amerikanische Zivilreligion, hervorgegangen aus dem protestantischen Puritanismus. Das eine ist politisierte Religion, das andere religiös aufgerüstete Politik.

Beide Seiten stehen im Bann politischer Mythologien, wie sie in Zeiten der Konfrontation florieren. Konfrontation wiederum belebt das Geschäft, das wirtschaftliche wie das politische, wenn es sich überhaupt noch lohnt, hier einen Unterschied zu machen. Konfrontation ist, wenn nicht staatstragend, dann jedenfalls machterhaltend. Konfrontation braucht Mythen, das heißt Feindbilder, Bedrohungsbewusstsein, Verschwörungstheorien. Die Allianz von Politik und Religion bekommt beiden schlecht. Religion verkommt, wenn sie politisch instrumentalisiert wird, und Politik wird unerträglich, wenn sie religiös aufgeladen wird. Daher ist die Religion unverzichtbar: um Widerstand zu leisten gegen ihre politische Instrumentalisierung ebenso wie gegen den Totalisierungsanspruch politischer Religionen.

Blick zurück nach vorn

Den Impuls, über das Gegebene hinauszugehen, teilt die Religion mit der Kunst, der Wissenschaft und der Philosophie, die im Zuge des von ihr angestoßenen Fortschritts in der Geistigkeit aus ihr hervorgegangen sind. Was ist Kunst anderes als ständiges Fortdrängen über das Gegebene hinaus? Die wahrhaft großen Künstler bleiben niemals beim Erreichten stehen, richten sich nicht behaglich ein im Gekonnten und Beherrschten, sondern brechen immer wieder zu neuen Ufern auf. Das Gleiche gilt für Wissenschaft und Philosophie.

Zugleich aber sind diese vier vorwärtsdrängenden Unruhestifter, Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft, die Hüter des Gedächtnisses. Fortschreiten in der Geistigkeit kann offenbar nur, wer ein gutes Gedächtnis hat, wer die heiligen Texte und die klassischen Werke kennt. In diesem Bereich der Kultur herrscht eine eigene Zeitlichkeit, die bestimmt ist von der unüberholbaren Maßgeblichkeit der großen Werke und der Dynamik einer Ideenevolution, die sich bald in schnelleren, bald langsameren Rhythmen bewegt. Religion, Kunst, Wissenschaft und Philosophie bringen eine kreative Spannung in die Kultur, und die Religion gehört hier nicht nur einfach als ein Faktor unter vieren dazu, sondern bildet den Ursprung und das Zentrum des Phänomens, das ich einmal das kulturelle Gedächtnis des Abendlandes nennen möchte. Dieses Gedächtnis, das uns befähigt, über das Gegebene hinaus zu denken, dürfen wir nicht verlieren. Es ist weder staatstragend, noch machterhaltend, aber das Einzige, was uns retten kann vor der Normativität des Faktischen, dem Absolutismus der Sachzwänge und der Verstrickung in politische Mythen.

Jan Assmann ist Professor emeritus für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Zuletzt erschien von ihm „Die Mosaische Unterscheidung“ (Hanser Verlag, 2003).

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